Das Kino des Hayao Miyazaki ist ein leidenschaftlicher Angriff auf die Ordnung der Dinge. Spätestens nach Prinzessin Mononoke und Chihiros Reise ins Zauberreich, der dem inzwischen 66-jährigen japanischen Superstar des Animationsfilms erst den Goldenen Bären, dann den Oscar einbrachte, musste man den Zeichner und Regisseur auch in der westlichen Welt als Fantasten entdecken, der elegant die Mythenschätze des gesamten Erdballs kapert. Dabei verzahnt er östliche Gespensterkultur mit Motiven westlicher Initiationsabenteuer und treibt seine Kreaturen in die unheimlichsten Metamorphosen. Fast schon schlicht und ungewohnt operettenhaft kommt sein jüngstes Werk Das wandelnde Schloss daher. Ein herausgeputztes Städtchen im ausgehenden 19. Jahrhundert, das Miyazaki dem Elsass nachempfunden haben soll, bildet die Kulisse für das Adoleszenzmärchen von der kleinen Sophie.

Ein Postkartenörtchen, in dem die Damen ihre prächtigen Hüte spazieren tragen, während das Militär in bombastischen Paraden sein neustes Kriegsgerät vorführt. Einen König gibt es auch, doch der lässt sich bei den Audienzen gern von seiner Hofzauberin Suliman vertreten, die in einer Art Parallelregiment die magischen Instanzen des Landes zum patriotischen Kampf gegen die Angriffe des Nachbarreiches aufruft. Denn Magie und Wirklichkeit leben, anders als die menschlichen Völker, in einer mehr oder minder friedlichen Koexistenz. Und wenn der hübsche Zauberer Hauro in seinem wandelnden Schloss vorbeizieht, einem pittoresken Metallkoloss, der grob aus den Abfällen der Industrialisierung zusammengeschraubt zu sein scheint, grüßen ihn die Schafe auf der Alm, und die Mädchen geraten ins Schwärmen.

Tuckern hingegen die Eisenbahn oder die ersten dampfbetriebenen Automobile vorbei, verrußt das Bild so drohend und unheilvoll, als seien hier die wahren Mächte der Finsternis eines neuen Zeitalters am Werk. Das wandelnde Schloss erzählt von einer diffusen Zeit des Übergangs, in der das Alte, die Monarchie und ihre kriegerischen Eskapaden weiterexistieren und das Neue noch keine feste Gestalt hat. Genau wie die junge Heldin Sophie, die als Putzkraft Zuflucht in Hauros Schloss sucht, wo sie auf Erlösung vom Fluch und die Liebe des Hausherrn hofft. Spätestens bei der Ausstattung des Schlosses, dessen Türen sich zu beliebigen Welten und Zeiten öffnen lassen, präsentiert sich Miyazakis Einbildungskraft in gewohnter Größe. Hier beweist er wieder, dass er ein wunderbarer Fabulierer ist, der sich im Detail einer Dämmerung, eines traurig umwölkten Feuerdämons oder in der Melancholie einer mottenbelagerten Laterne verlieren kann. Wie immer bei Miyazaki sind Gespenster und Magier seltsame Zwischengestalten. Ihnen kann das Herz fehlen wie bei dem selbstverliebten Hauro. Manchmal auch der Verstand wie bei der Hexe aus dem Niemandsland, die nach dem Verlust ihrer magischen Kräfte in stumpfe Demenz verfällt. In ihren Triumphen werden diese Wesen unheimlich, in ihren Defekten harmlos. So harmlos, dass die in Tapferkeit gereifte Sophie die Macken ihres Geliebten korrigieren und sich die Liaison zwischen Leben und Zauberei endlich erfüllen kann. So gesehen ist Das wandelnde Schloss, mehr als alle anderen Miyazaki-Werke, eine ziemliche Schnulze. Doch das macht aus dem Film noch kein sentimentales Alterswerk. Eher einen Miyazaki für Einsteiger.