Parteifreunde teilen Julia Klöckner gelegentlich gefragt oder ungefragt mit, "das Quorum" – wie die CDU ihre freiwillige männliche Selbstbeschränkung bei Ämtern und Mandaten nennt – solle man doch lieber wieder abschaffen. "Sie meinen, es werde den Frauen nicht gerecht." In solchen Fällen erinnert Klöckner die Herren daran, dass sie selbst ohne Quote nicht im Bundestag wäre. Dass man sie 2002 gefragt habe, ob sie nicht kandidieren wolle, weil auf der Landesliste ein aussichtsreicher Platz mit einer Frau besetzt werden sollte. Von allein wäre die Journalistin zu diesem Zeitpunkt gar nicht auf diese Idee gekommen. "Die Quote", sagt sie, "ist wie ein Sprungbrett, das hilft, erst mal zu zeigen, dass man was kann."

Julia Klöckner, geboren 1972, CDU-Abgeordnete aus Rheinland-Pfalz, ist eine Frau, wie Männer in der Union sie gerne mögen: freundlich, fraulich, aber selbstbewusst. Sie sagt Sätze wie "Männer und Frauen sind einfach unterschiedlich" und "Ich find’s klasse, wenn Frauen neben ihrer Arbeit Spaß haben an ihrer Kleidung und Mut zum Lippenstift" – vermutlich, damit niemand auf die Idee kommt, sie käme (als Quotenfrau!) mit allzu kämpferischen Ansichten daher.

An der Quote haftet noch immer die Erinnerung an die wilden Anfangsjahre, als die "Grüninnen" gelegentlich reine Frauenlisten aufstellten, wie bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 1986. Sie hatten etwas gegen "Macker" und glaubten, Frauen würden "menschlicher" Politik machen, weil sie "direkter betroffen" seien. Und sie meinten es ernst mit der Abschaffung des Patriarchats. Die Art, wie die junge CDU-Frau Klöckner knapp 20 Jahre später über ihren Listenplatz spricht, zeigt, wie brav die Quote inzwischen geworden ist: ein "Instrument" der parteipolitischen Personalsteuerung, eines unter anderen, das gelegentlich ganz gut funktioniert.

Ohnehin ist es eine sehr freundliche "Quote", die Julia Klöckner da verteidigt: Das Quorum der CDU ist ein Soll und kein Muss – und fordert, ein Drittel aller Positionen in der Partei mit Frauen zu besetzen, nicht die Hälfte. Zwar können Kandidatenvorschläge für Parteiämter zurückgewiesen und Wahlen für ungültig erklärt werden, wenn nicht ein Drittel Frauen dabei sind, doch folgt daraus nur, dass in solchen Fällen noch einmal gewählt werden muss. Das Ergebnis des zweiten Wahlgangs ist gültig – auch ganz ohne Frauen. Eine verbindliche 50-Prozent-Quote wie bei den Grünen wäre nichts für die CDU, sagt Julia Klöckner. Von zu viel Druck "würden sich die Männer unnötig bedrängt fühlen, das würde im schlimmsten Fall den Geschlechterkampf befördern." Und Geschlechterkampf, das ist nun ungefähr das Letzte, was man will, wenn man jung ist und Frau und in der CDU.

1986 hatten die Grünen ihr Frauenstatut mit der Forderung eingeführt, "mindestens die Hälfte aller Ämter und Mandate" mit Frauen zu besetzen. 1988 zog die SPD nach und setzte schrittweise um, was die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen seit zwei Jahren forderte: eine 40-Prozent-Quote für beide Geschlechter. Dieses Ansinnen war umstritten, und nicht nur unter Männern. "Leistung, nicht Quote", forderten die Gegner – als sei das ein notwendiger Gegensatz. Seitdem wurde der Vorwurf "Quotenfrau" tausendmal erhoben und tausendmal gekontert.

Auch wenn Quotierung die Politik nicht grundsätzlich "menschlicher" und nur ein bisschen familienfreundlicher gemacht hat, sind ihre Erfolge nicht von der Hand zu weisen. Die Parteien mit starker Quote haben einen höheren Frauenanteil als die CDU mit dem abgeschwächten Quorum und die FDP ganz ohne Frauenquote. 58Prozent der grünen Bundestagsabgeordneten sind Frauen, 38Prozent bei der SPD, rund ein Viertel bei CDU und FDP. Die Quote hat dazu geführt, dass Frauen in der deutschen Politik deutlich besser repräsentiert sind als etwa in der Wirtschaft. Einer Frau, die sich schon politisch engagiert, erleichert die Quote den Weg nach oben. Zum Eintritt in eine Partei motiviert sie aber offenbar nur begrenzt, davon künden die weiblichen Mitgliederzahlen.