Ich spaziere über den gleichen sonnenbegleißten Innenhof wie vor zehn Monaten, damals ging ich zum kafkaesken Mittagessen mit Arafat. Doch wo sind die Türsteher, wo ist die klaustrophobische Stimmung, wohin wurden all die Autowracks geräumt, die an die Zerstörung durch die israelischen Streitkräfte gemahnten? Alles verschwunden, der Hof gekehrt, es liegt eine geradezu mozarthafte Stimmung der heiteren Unsicherheit in der Luft.

Daniel Barenboimis in the house, schwitzend und in einen etwas lächerlichen schwarz-weiß gestreiften Künstleranzug gepackt – einer der großen Dirigenten der Welt – Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin – ein Israeli! – und gibt eine Pressekonferenz in der Mukata, dem palästinensischen Hauptquartier.

Doch herrscht zunächst Ratlosigkeit. Was will Barenboim in dieser Stadt, in der vor knapp fünf Jahren noch zwei israelische Soldaten vom tobenden Mob vor laufenden Kameras abgeschlachtet und an Bäumen aufgehängt wurden?

Auch der Kulturminister der Autonomiebehörde, ein rührender Mensch mit dem Gesicht einer sanftmütigen Giraffe, kann die Lage nicht so richtig einschätzen, sagt aber in die Mikrofone seine Unterstützung und Solidarität zu. Er freue sich, dass etwas so Großes hier in Ramallah passiere.

Bei den Proben. Der 21-jährige Daniel Cohen aus Tel Aviv schaut verträumt in die Ferne und streicht selbstvergessen sein Instrument. Der syrischen Geigerin Maria Arnaout fliegen die braunen Haare durchs Gesicht. Beethovens Fünfte steht auf dem Programm.

Musiker mit Diplomatenpässen

Barenboim ist tatsächlich in Ramallah, mit seinem West-Eastern Divan Orchestra, das er 1999 gegründet hat und das seither in jährlichen Workshops probt. Die Musiker sind junge Leute aus dem gesamten Nahen Osten, Libanesen, Syrer, Jordanier, Palästinenser, Israelis, Ägypter, die zusammen an einem Ort spielen, den die meisten von ihnen gar nicht betreten dürften. Syrien und Libanon befinden sich noch immer im Kriegszustand mit Israel, während Israel das Westjordanland besetzt hält.