Im Februar 1929 berichtet Walter Benjamin in einem Brief an seinen Freund Gershom Scholem von einer ihm "ziemlich fernstehenden Frau, die ein paar Mal in größerem Kreise mit mir zusammengewesen war". Gemeint ist vermutlich Gretel Karplus, der Adorno-Biografik besser als Gretel Adorno bekannt. Benjamin hatte sie 1928 in Berlin kennen gelernt. Der Brief, der die Korrespondenz zwischen Benjamin und ihr im Juli 1930 eröffnet, ist denn auch eher förmlich an das "Liebe Fräulein Karplus" adressiert. Unerachtet dessen, schickt er ihr aber einen gehäkelten "Freundschaftsschoner".

Zwei Jahre später bleibt es immer noch bei der "Lieben Gretel Karplus". Doch danach wird der Ton des Briefwechsels zwischen ihm, den sie mit dem Vornamen seines deutschen Pseudonyms "Detlef" nennt, und der glückseligen "Fe-li-ci-tas" (nach einer Bühnenfigur aus Wilhelm Speyers Schauspiel Ein Mantel, ein Hut, ein Handschuh, an dem Benjamin mitgearbeitet hatte) immer intimer. Allerdings ist sie die Werbende, während er Freundlichkeit mit einer gewissen Zurückhaltung paart. Im März 1933 antwortet sie auf den "Freundschaftsschoner" mit einer "kleinen Stoffprobe – zum Streicheln" und lässt ihn wissen, dass sie "das grüne Kleid angezogen" habe. Sie bittet ihn, ihre "Sentimentalität" zu verzeihen: "Stoß mich nicht zurück." – "Kein Mensch weiß von Detlef und Felicitas", auch ihr Verlobter "Teddie" (Adorno) nicht. Von "Zärtlichkeiten" ist immer wieder die Rede. "Und wo ist schließlich die feine Grenze zwischen Freundschaft und Liebe?"

Diese Briefe werden geschrieben, als Benjamin schon emigriert ist, aber auch Adorno, den Gretel 1923 kennen gelernt hat, der nur selten in Berlin weilt, wo die promovierte Chemikerin als Miteigentümerin einer auch vom Lohndumping lebenden Fabrik, "Spezialität: Handschuhleder – Lederhandschuhe", arbeitet. Sie fühlt sich ebenso einsam und kontaktbedürftig wie Benjamin. Muss man, darf man vor diesem Hintergrund über eine bis dato noch nicht bekannte "Beziehung" zwischen Benjamin und Gretel-noch-nicht-Adorno spekulieren, eine sensationelle Ménage-à-trois, die die Ambivalenzen, ja Härten im Umgang Adornos mit Benjamin erklären könnte? Das gewiss nicht; Benjamin bestätigt eher seinen Ruf als ein von "chinesischer Höflichkeit" bestimmter Rühr-mich-nicht-an. Aber es handelt sich doch um eine sehr innige Freundschaft, bei der auf Seiten von Gretel Karplus-Adorno die Übergänge zur Liebe tatsächlich zeitweise fließend sind.

Die Sorge, es könne geschehen, was sich nicht wiedergutmachen lässt

Die erprobten Herausgeber der Briefwechsel-Edition, Christoph Gödde und Henri Lonitz, die auf die sechsbändige Ausgabe der Briefe Benjamins und den Briefwechsel Adornos mit ihm zurückgreifen konnten (nur die Briefe Gretels waren bisher noch ungedruckt), enthalten sich hier eines Kommentars. Die Ausgabe ist in dieser Hinsicht weniger auskunftsfreudig, als es wünschenswert gewesen wäre. Wie auch immer, an Gretels Zuneigung ist kein Zweifel. Sie versucht, für Benjamin, bei dem sich die finanzielle Not des in seinen Publikationsmöglichkeiten immer mehr eingeschränkten Emigranten mit einer gewissen Lebensuntüchtigkeit paart, in dem ihr möglichen Umfang zu sorgen. Sie schickt ihm Geld und Bücher und bemüht sich, das Ihre für die Verbindung zum finanziell potenten Institut für Sozialforschung zu tun. 1934 treffen sich die beiden für ein gemeinsames Wochenende in Kopenhagen.

Die Beziehung wird nach der Heirat mit Adorno 1937 und der Emigration des Paares 1938 in die USA distanzierter. Nun ist es immer mehr der vereinsamende Benjamin, der ihre nun allzu kurzen Briefe ersehnt. Schon vorher ist es zu massiven Irritationen gekommen, weil Benjamin sich weiterhin dem Einfluss des von Horkheimer, Adorno und Scholem verpönten Bert Brecht öffnet. In eindrucksvollen Briefen verteidigt er sein Leben und Denken "in extremen Positionen", die Verbindung von Messianismus und Dialektik auf dem Boden einer vertieften Kritischen Theorie.

Aber Gretel hält dem Freund entschiedener die Treue, als das Institut es konnte oder wollte. Aufschlussreich, dass die Vorwürfe der heftigen Nachkriegsdebatten, Adorno und Horkheimer hätten Benjamin im Stich gelassen, schon im Briefwechsel anklingen. Benjamin leidet blanke Not. Am bewegendsten wird der Briefwechsel, wo sich Benjamins suizidaler "Weg nach unten" abzeichnet.