Mag der Sozialismus, zumal in seiner herrischen, nachträglich auferlegten Variante, dem Kommunismus, auch längst als begründeter Fehlschlag entlarvt sein, so bleibt er doch als wehmütige Idee bestehen, an die man erinnert wird, wenn amtierende Politiker, weit unter dem einstmals erreichten Niveau, von den Plagen des Kapitalismus reden. Der Sozialismus nämlich hatte nicht nur Spitzel, Mängelverwalter und mediokre Erfüllungsideologen aufzubieten, sondern auch veritable Denker, die zu lesen noch immer lohnt.

Einer von ihnen ist Ernst Bloch, ein Philosoph mit unübertroffenem Gespür für die Poesien der Tagträume und das Unausgedeutete der menschlichen Existenz, die im gegenwärtigen Globalsystem nicht mehr mit Achtsamkeit, sondern nur noch als massenhaft auftretender Sozialfall behandelt wird. Bloch war ein großer Stilist, eigenwillig bis in die letzte Wortprägung, wobei er kleinere Missverständlichkeiten und Anleihen aus dem spätexpressionistischen Sprachpool billigend in Kauf nahm.

Auch in den Briefen an seine Frau Karola, die der Suhrkamp Verlag zu einem ansehnlichen Buch mit dem Titel Das Abenteuer der Treue gebündelt hat, gibt sich der Sprachkünstler Bloch zu erkennen: Er lässt sich mitreißen, von seiner Frau, die er beschwört und umgarnt wie ein fernes, sprechendes Bild, das beizeiten zum Leitstern erklärt wird, von den eigenen Gedanken, die sich, unter Einbeziehung einer kundig durchmessenen Vergangenheit und kritischer Bestandsaufnahme der nicht sehr erfreulichen Gegenwart, auf eine Zukunft richten, an die Blochs Schriften so emphatisch appellieren, als solle eine groß angelegte, freundliche Übernahme vorbereitet werden.

1927 hatte er die zwanzig Jahre jüngere Polin Karola Piotrkowska kennen gelernt, die er, nachdem seine ersten beiden Ehen, nicht ohne seelische Mühen, abgewickelt waren, zur großen Liebe erklärte: Seine Frau sollte ihm »der anmutigste Weltgeist« sein, ein Geschöpf, zur Eigenständigkeit und zum Entzücken des Partners gleichermaßen bestimmt. »Ich liebe Dich, Karola«, schrieb Bloch im Juni 1930. »Wieder anders als früher. Ich bin Dir verschmolzen, und wir ehren zugleich unsere Sphäre, die keine private ist. Wir ergänzen uns großartig. Du bist auch hingebend, weil Du ein ganzes Weib bist. Daß Du nicht nur hingebend bist, hat auch ein großes Geheimnis; Du machst mich nicht eingehen. Du lässt mich an Dir leben und schaffen. Wie Du es einmal gesagt hast: wir werben immer umeinander.«

Die Ehe von Karola und Ernst Bloch scheint eine Werbemaßnahme gewesen zu sein, der lebenslanger Erfolg beschieden war. Das Abenteuer der Treue, lernen wir aus Blochs Briefen, sollte großzügig angesetzt werden, denn es verträgt keine Kleinlichkeiten; für das Glück des Einzelnen, dem der von Bloch hoch verehrte Hegel nur »ein leeres, flatterndes Blatt« zugedacht hatte, gibt es keine Gewähr, wohl aber eine stille, in sich verletzliche Freude: »Sie kommt«, schreibt Ernst an Karola in schwerer Zeit (1933), »auch bei Dir genau aus dem gelenkten Strom des Lebens und aus einem Ziel, das ebenso in jedem Augenblick ist, so dass er gespannt ist und zugleich ruht. Es ist bei mir zum Beispiel das sonderbare Bündnis zwischen einem inneren, an sich abstrakten Glückskern und der Ahnung einer möglichen, einer ungeheuren Glorie der Menschen in den Zuständen einer ›veränderten‹ Welt.«