Die Hügelrunde ist hart, auch für Samuel Isak. Jeweils 600 Meter über Berg und Tal um das kleine Stadion herum, vorbei an Flutlichtmasten und Hochsprungmatten, an Rhododendren und Kirschlorbeer, an Kiefern und meterhohen Hecken, über Pflastersteine, Sandboden und Kunststoffbeläge, all das bei ständig wechselnder Steigung. Auf dieser Hügelrunde im westfälischen Rhede spielt sich seit dem Frühling dieses Jahres eine wundersame Geschichte ab. Ein schwarzer Mann läuft und läuft und läuft. Angefangen hatte er, um fit zu bleiben, mittlerweile aber ist ein Lauf um die deutsche Staatsbürgerschaft daraus geworden.

Es war im Mai, als Jürgen Palm, Landestrainer am Leichtathletikzentrum (LAZ) in Rhede, Besuch bekam von Samuel Isak, 18 Jahre alt, Asylbewerber aus Eritrea. Er habe, erzählte Isak, Heimat und Familie verlassen, weil er als Zeuge Jehovas in Eritrea verfolgt werde. Aus religiösen Gründen lehne er den Kriegsdienst ab. Laut amnesty international muss er deshalb in Afrika mit Gefängnis und Folter rechnen. Nun sei er hier, um sich zu bewegen. Trainer Palm erinnert sich, dass er Isak damals fragte, welchen Sport er in seiner Heimat getrieben habe: Er sagte: >Normaler Schulsport.< Er habe nie unter Anleitung trainiert. Ich habe ihm gesagt: >Lauf dich mal warm!< Als er nach der ersten Runde vorbeikam, habe ich die Stoppuhr mitlaufen lassen.

Fortan wähnte sich Palm im falschen Film: Ich habe gedacht: Irgendwo steht hier einer mit versteckter Kamera. Der kommt von der Stiftung Warentest und will prüfen, ob wir ein gutes Training machen. Denn die Zeit auf Palms Stoppuhr passte nicht zu einem Hobbyläufer. Wenn die Athleten des LAZ Rhede sich aufwärmen, brauchen sie pro Hügelrunde etwa 3 Minuten, 30 Sekunden. Isak war nach 2 Minuten, 10 Sekunden wieder da. Dabei sei er konstant und so locker gewesen, wie die anderen laufen - nur in einem anderen Tempo. Ein Eindruck, den Isak fortan auch bei Wettkämpfen hinterlässt, zu denen Palm ihn mitnimmt: Schon bei seinem dritten offiziellen Auftritt - Ende Juni in Ahrweiler - wird Samuel Isak westdeutscher Juniorenmeister über 5000 Meter.

An den deutschen Jugendmeisterschaften im Juli darf der Afrikaner noch nicht teilnehmen - doch seine Zeit aus Ahrweiler (14:46:11) liegt vier Zehntel unter der des Titelträgers. Er hat bislang all seine Wettkämpfe überlegen gewonnen. Im Sommer brummt Palm ihm ein Gebet auf: Sag deinem Chef: >Schick mir Gegner!< Konkurrenz belebt die Höchstleistung.

Isak ist für Palm ein Ausnahmetalent, in seiner fast 20-jährigen Laufbahn als Trainer habe er noch nie erlebt, dass jemand so viel mitbringt und so schnell lernt. Für die Bewegungsmuster, die Isak in drei Monaten verinnerlicht habe, brauchten andere Jahre, von diesem Herbst an vertritt Isak den LAZ Rhede als Landeskader-Athlet.

Niemanden scheint diese Entwicklung mehr zu überraschen als den jungen Läufer selbst. Dass ich Talent habe, war mir nicht klar, beteuert er rückblickend.

Vorher bin ich einfach gelaufen. Ob es schnell oder langsam war, konnte ich nicht sagen. Märchenhaft erscheint seine plötzliche Hinwendung zum Langstreckensport: Im Dezember 2004, bereits in der Asylunterkunft, sieht Isak im Fernsehen einen Marathonlauf und entdeckt eine eritreische Flagge zwischen den Zuschauern. Er fragt sich: Warum soll ich nicht auch laufen? -