Wer eine der wesentlichen Eigenschaften von Gernot Sittner beschreiben möchte, müsste eigentlich erst einmal schweigen, und dies möglichst lange. Es wäre nie jemand auf die Idee gekommen, am Ende eines Gesprächs mit Sittner, dem langjährigen Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, darum zu bitten, er möge doch diese oder jene Information für sich behalten. Das war selbstverständlich. Fast möchte man hinzufügen: Er kann gar nicht anders.

Gernot Sittner ist so etwas wie der Mister SZ. Im Jahr 1964 trat er in die Redaktion ein, zunächst zuständig für die Bildungspolitik, später erfand er die Fernsehseite, war 17 Jahre lang Chef der legendären Seite Drei, dazu leitete er auch noch die Wochenendbeilage. Ende der achtziger Jahre wurde er stellvertretender Chefredakteur, später dann Chefredakteur an der Seite von Dieter Schröder, dann von Hans Werner Kilz. Für die Leser war er dabei im Grunde immer unsichtbar. Sittner gab Anregungen, bearbeitete mit seinem unglaublichen Sprachgefühl Texte. Er übersah so gut wie nie einen Fehler. Er war der perfekte Redakteur. Auf die Frage nach der wichtigsten Eigenschaft eines guten Journalisten antwortet er: Genauigkeit.

Kurz gesagt: Gernot Sittner sorgte für Qualität und dafür, dass andere neben ihm groß wurden, Leute wie Herbert Riehl-Heyse, Peter Sartorius, Carlos Widmann, um nur einige wenige zu nennen. Sittner war es, der Riehl-Heyse trotz anfänglicher Widerstände ermunterte, seinen ungewöhnlichen Stil zu perfektionieren. Sittner trieb seinen langjährigen Stellvertreter auf der Seite Drei, Sartorius, an, einer der besten Reporter der Republik zu werden.

Gefallen dran zu finden, dass andere den Ruhm bekommen, ist in dieser Branche nicht sehr verbreitet.

Sittner sagt, es sei ihm, auch als Chefredakteur, immer wichtig gewesen, eine offene Tür für die Kollegen zu haben. Stimmt, Termine waren nie ein Problem, allerdings, möchte man ergänzen: Genützt haben sie oft nichts, zumal wenn es um so profane Dinge wie etwa eine Gehaltserhöhung ging (sein Vater war übrigens von Beruf Sparkassendirektor). Er hatte immer ein Faible für stetige Entwicklungen, jede Art von Hektik ist ihm zuwider (sein Hobby ist Wandern und Bergsteigen). 40 Jahre als Tageszeitungsjournalist hält man vielleicht nur durch, wenn man seinen eigenen Rhythmus dagegensetzt. Ob bei den damaligen Anschlägen der RAF, den verschiedenen Golf-Kriegen oder eben auch bei der großen Zeitungskrise vor zwei Jahren, in der auch die SZ Mitarbeiter entlassen musste: Er war immer da, war ruhig und machte seinen Job. So würde er es formulieren.

Gernot Sittner hat nun aufgehört, mit 67. Wenige Zeilen vermeldeten in der eigenen Zeitung seinen leisen Abschied. Es heißt, er wollte es nicht anders, macht bitte bloß kein Aufhebens. Man würde sich wünschen, dass er in seinem Ruhestand plötzlich ein wenig lospoltert. Eine kleine Hoffnung gibt es, denn er sagt: Sie hätten mich mal als junger Mensch kennen lernen sollen, da habe ich praktisch gar nichts geredet. Im Grunde werde ich von Jahr zu Jahr gesprächiger.