Der jüngste seiner vier Söhne, 13 Jahre alt, sei kränklich und lese sehr viel, gab sein Vater, ein Fellgerber, in seiner Einkommenserklärung an. Später lernte er bei seinem älteren Bruder das Goldschmiedehandwerk, dabei fiel offenbar sein ungewöhnliches Zeichentalent auf. So kam er mit 19 Jahren in die Lehre bei dem damals angesehensten Maler seiner Heimat. Bereits mit seinem ersten großen Werk errang er einen beachtlichen Ruf. Schon bald hatte er eine eigene Werkstatt, in der er bisweilen zahlreiche Mitarbeiter beschäftigte. Weitere öffentliche Aufträge folgten: Für ein Mitglied der herrschenden Familie malte er eine Standarte und entwickelte dabei, um die Malerei haltbarer zu machen, eine neue Technik. Als dieses Mitglied drei Jahre später in einer Revolte ermordet wurde, bekam er den Auftrag, die zum Tode verurteilten Verschwörer auf der Seitenfassade des Regierungspalastes darzustellen. Damit verband er sich endgültig mit dem politischen Anspruch seiner Mäzene. Der Anfang seiner künstlerischen Laufbahn fiel in die glanzvollste Epoche seiner Heimat: Es herrschte Friede, die politische und wirtschaftliche Macht der regierenden Familie stand auf dem Höhepunkt. Mit kühnen Bauprojekten und der Förderung der Künste verlieh sie ihrer Herrschaft öffentliches Ansehen. Unter ihrer Ägide entwickelte sich ein Zentrum der Kultur; politische Macht ging hier einher mit einem Weltbild, das Erkenntnisse und Errungenschaften der Antike mit der christlichen Tradition verschmolz.

In dieser Zeit schuf er sein bedeutendstes Werk, die sublime Illustration einer politischen wie poetischen Utopie, gleichzeitig voller Rätsel und Widersprüche und nicht zu reduzieren auf eine politische Allegorie. Voller Rätsel und Widersprüche war auch das Leben seines Schöpfers: Immer stärker sprechen seine Bilder von innerer Unruhe und Besorgnis, immer deutlicher wird ihr emotionaler Gehalt. War sein "grüblerischer Geist" der Grund? Sein "schwermütiger Charakter"? Oder die politischen Umwälzungen, die die Aufbruchstimmung in seiner Heimat zerstörten? Ihm wird nachgesagt, er sei zum Parteigänger jenes apokalyptischen Propheten geworden, der in seinen Predigten die politischen Machthaber angriff und die "Verbrennung der Eitelkeiten" organisierte, bei der Fanatiker kostbare Gerätschaften, prunkvolle Gewänder und Kunstwerke profanen Inhalts zerstörten. Warf unser Maler unter seinem Einfluss eigene Werke ins Feuer? Seine zunehmende Hinwendung zu religiösen Themen, teilweise den Predigten des Eiferers entnommen, die spirituelle Weltuntergangsstimmung seiner Bilder lassen jedenfalls dessen Einfluss erkennen. Nachdem dieser nach einem Schauprozess hingerichtet worden war, malte er fast nichts mehr. Seine letzten Bilder verzichten gänzlich auf realistische Darstellung, sie fordern ein Sehen, das nicht mit den Augen sieht, ein Erinnern der Seele.

Zu Lebzeiten war sein Ruhm nicht über seine Heimatstadt hinausgegangen, im Alter war er fast vergessen, verarmt und elend, zerbrochen am Verfall der Stadt, am Tod seines Mäzens und an dessen Idealen sowie am Martyrium des Propheten. Bei den jüngeren Künstlern fand er mit seiner Konzentration auf die Figuren und den Ausdruck seelischer Vorgänge kein Verständnis. Seine Abkehr von der Natur war Anlass, dass sich der genialste unter ihnen mokierte: "Wie unser X. sagte, war ein solches Studium unnütz, weil ein einfach mit verschiedenen Farben getränkter, an die Wand geworfener Schwamm auf ebendieser Wand einen Fleck hinterließ, in dem man eine schöne Landschaft sah." Und er verweigerte ihm den Titel eines "universellen Malers".

Wer war’s?

Wolfgang Müller

Auflösung aus Nr. 34: