Im unterhaltsamen Büchlein Schach-Mekka Berlin von Helmut Wieteck ist nachzulesen, wie im Parterre des Romanischen Cafés im Berlin der zwanziger Jahre die Literaten, Schauspieler und bildenden Künstler saßen, um eventuell am späten Abend noch den Weg auf die Galerie zu finden, den Zufluchtsort der Schachspieler.

Roda Roda, Bertolt Brecht und wie sie alle hießen. Manch einer vergaß hier die Trübsal des Studiums und studierte stattdessen hingebungsvoll Schach, während juristische Haarspaltereien und chemische Formeln sich im Tabaksrauch verflüchtigten und immer unwirklicher wurden, bis nur noch die reine Essenz des Schachs übrig blieb.

Die Lyrikerin Else Lasker-Schüler ging schon mal auf die Galerie, um nach ihrem Schwager, dem Schachweltmeister Emanuel Lasker, zu schauen. Dessen Beliebtheit war in jenen Tagen in Berlin so groß, dass sich sogar Fritz Kortner, als er 1925 die Hauptrolle in Arthur Schnitzlers Stück Professor Bernhardi spielte, in ein genaues Konterfei von Emanuel Lasker verwandelte.

Der Regisseur Géza von Cziffra beobachtete auf der Galerie folgende Begebenheit: Lasker hatte sich mit Max Planck zu einem Spielchen niedergelassen, als Albert Einstein unter den Stuhl von Planck kroch und diesem die Schnürsenkel seiner Stiefeletten zusammenband. Sodann gab er Lasker ein Zeichen, worauf der eine Reihe von schlechten Zügen machte und die Partie prompt verlor. Planck war ganz aus dem Häuschen, gegen Lasker gewonnen zu haben, und sprang vor Freude auf, um gleich aufgrund der zusammengeknoteten Schnürsenkel hinzustürzen. Und die lieben Kiebitze lachten und lachten.

Doch Einstein, der mit Lasker befreundet war und mit diesem, selber promovierter Mathematiker, seine Relativitätstheorie diskutierte, wusste durchaus nicht nur unter einem Schachtisch geschickt die Fäden zu ziehen. Zwar gehörte das Schachspiel nicht zu seinen Leidenschaften, er spielte indes recht ordentlich. In der gezeigten Situation stand er gegen Oppenheimer in Princeton 1940 mit einem ganzen Turm mehr klar auf Gewinn, obendrein ist der schwarze Springer e7 lästig gefesselt. Dennoch fand er als Weißer am Zug einen kräftigen (Opfer-)Entscheidungszug, der als Lohn der kühnen Tat sogar zusätzliches Material eroberte.

Was zog er?