Es ist nicht leicht, Frauen zu fördern. Man kann die mangelnde weibliche Präsenz im Arbeitsleben noch so beredt beklagen, auf männliche Bornierung schimpfen oder Frauenquoten installieren, es ändert alles nichts an dem Umstand, dass Frauen keine Automaten sind, die man nur aufziehen muss, damit sie im Arbeitsmilieu spontan die passenden Bewegungen vollziehen, die zum Erfolg führen. Die klassische Erfahrung besteht vielmehr darin, dass sie diese Bewegungen spontan nicht vollziehen. Es ist mit ihnen wie mit manchen hoch begabten Schülern, die ihre Lehrer an den Rand des Nervenzusammenbruchs führen, weil sie die staunenswerte Leistung immer nur vollbringen, wenn niemand zuguckt.

Stellen wir uns die junge Kollegin vor, die ihren neuen Chef durch originelle Lösungsvorschläge begeistert. Was aber passiert in der Konferenz, in der es darum ginge, diese Vorschläge der Abteilung zu unterbreiten? Die Kollegin schweigt. Aber nach der Sitzung, nur wenige Minuten werden vergangen sein, wird die Kollegin aufgebracht bei dem Chef auf dem Sofa sitzen und über die Torheit des Konferenzverlaufs klagen. Warum habe er, der Chef, nicht ihre Vorschläge unterbreitet?

Der Fall ist kindisch und doch über die Maßen verbreitet: Die Frau möchte sich hinter dem Chef verstecken. Er soll ihr Sprachrohr sein, und sie will die Strippen im Hintergrund ziehen. Das ist ein uraltes Muster, und dass es immer wieder neu beklagt wird, richtet nichts gegen seine Wirksamkeit aus. Es gibt viele begabte Frauen, es gibt nicht wenige Chefs (oder Chefinnen), die begabte Frauen mögen, und es gibt sogar Berufe, für die es mehr begabte Frauen als Männer gibt. Trotzdem setzt sich diese Begabung nicht durch, wie sie es auf dem berühmten freien Markt tun müsste.

Der Markt ist aber nicht frei. Das Problem beginnt schon mit der Aufforderung, Frauen überhaupt zu fördern. Denn diese Aufforderung hat eine hässliche Schwester, von der sie stets begleitet wird, und das ist die Unterstellung, die geförderten Frauen würden nur als Frauen gefördert und hätten als Männer keine Chance. Positive Diskriminierung trägt die negative Diskriminierung in sich. Man kann das Selbstverständliche, nämlich die geschlechtsneutrale Besetzung aller Positionen, nicht absichtlich herstellen; denn was absichtlich hergestellt wird, ist erst recht nicht selbstverständlich.

Der Aufstieg einer Frau wird darum stets von einem Verdacht begleitet, und man darf sich die einschüchternde Wirkung dieses Verdachts nicht zu gering vorstellen. Er mobilisiert stärker als alle offenkundigen männlichen Unterdrückungsmaßnahmen den alten weiblichen Reflex, besser im Hintergrund zu bleiben. Die berechtigte Forderung nach Emanzipation hat den großen Fehler: dass sie die Geschlechterunterschiede dramatisiert, die sie abschaffen will. Wir schlagen deshalb vor, für einen historischen Moment den Begriff der Emanzipation durch den der Gerechtigkeit zu ersetzen. Denn darum geht es im Kern oder sollte es doch gehen: um Gerechtigkeit für Individuen und nicht um kollektive Statistik.