Hatte ich mal erwähnt, dass ich Reporter bin? Nein? Bin ich aber. Ich mache das schon ewig, Mann. Ich habe schon alle Geschichten geschrieben, die es gibt. Manchmal, wenn ich mal wieder raus muss an die Front, fühle ich mich wie eine alte Prostituierte um 4 Uhr morgens, dann denke ich, nein, bitte nicht noch einen Freier jetzt, aber letztlich machen wir beide es ja doch, sie und ich, denn wir brauchen das Geld und haben nur unser Talent. Weiß Gott, das haben wir. Mann.

In drei, vier Jahren steige ich aus und mache ’ne Bar auf. Oder ich gehe in eine Bar rein und komme für den Rest meines Lebens nicht mehr raus, wie Charles Bukowski.

Ein Kollege sollte über ein Dorf schreiben, in dem bei der letzten Wahl 90 oder 95 Prozent SPD gewählt haben, deutscher Rekord. Das crazy SPD-Dorf. Da fuhr er also hin und fragte die Leute, wieso sie die SPD so toll finden, was die SPD in ihrem Leben bedeutet, ob sie beim Sex an Gerhard Schröder denken und so weiter. Die Leute waren so weit okay und beantworteten brav alle Fragen. Am Abend rief er in der Redaktion an und sagte: "Alles klar mit dem SPD-Dorf, Leute, Story im Kasten, Bingo." Als er den Namen des Dorfes erwähnte, wurden die in der Redaktion ganz wuschig und schrien los: "Bist du wahnsinnig, das SPD-Dorf heißt doch ganz anders." Er hatte sich verhört. Das war in Wahrheit ein ganz normales Dorf gewesen. Die Leute haben sich zwar gewundert, dass er so penetrant nach der SPD fragt, aber sie waren höflich und haben versucht, sinnvolle Antworten zu geben. Am nächsten Tag ist er dann in das echte SPD-Dorf gefahren und hat die Geschichte halt auf dem Gegensatz zwischen einem SPD-Dorf und einem anderen Dorf aufgebaut, in dem die SPD keine so dominante Rolle spielt.

Ich sollte über das CDU-Dorf schreiben. 96 Prozent CDU. Ich habe den Bürgermeister angerufen. Die Schwester des Bürgermeisters kam ans Telefon. Sie war sofort extrem sauer. Sie sagte: "Ich kenne Sie. Sie haben schon mal über unser Dorf geschrieben, mit Ihnen möchte kein Mensch in unserem Dorf mehr etwas zu tun haben." Ich habe dann recherchiert, dass vor Jahren mal ein Reporter der taz in dem Dorf gewesen ist und geschrieben hat, das Dorf sei unbewohnbar wie der Mond. Ich konnte denen aber nicht sagen, dass es eine Verwechslung ist, weil sie mich überhaupt nicht zu Wort kommen ließen. Diese Formulierung "unbewohnbar wie der Mond" – das hatten sie echt nicht gerne gelesen, das brachte die immer noch voll in Rage.

Als ich in das Dorf kam, ein winziges Nest mit Hühnern und Gänsen und so, waren alle Fenster und Türen verrammelt, weil sie das fremde Auto schon von fern hatten kommen sehen. Auf der Dorfstraße war kein Mensch zu sehen. Es war ein gottverdammtes Geisterdorf. Ich bin auf der leeren Dorfstraße hin- und her gegangen und habe gedacht: "Jedes Mal, wenn hier abends der Mond aufgeht, denken die hier an mich und möchten mich killen. Aber es ist eine Verwechslung. Genau wie bei dem Typ, der in Ritt zum Ox-Bow aus Versehen gelyncht wird." Dann dachte ich, dass ich irgendwann eine Bar aufmache oder sonst irgendwas Großes tue. Das denke ich eigentlich immer, wenn ich den Blues habe.