Man sollte die Bewusstseinswelt von Susanne Fröhlich nicht zu schnell mit ihrem Nachnamen oder mit ihren sehr großen, vermeintlich alles bejahenden, sehr blauen Augen verwechseln. Man sollte sie folglich nicht unterschätzen.

In dieser netten Moppel-Ich-Welt herrscht ein untergründiges Rumoren. Eine latente Explosionsbereitschaft. Flüchtig betrachtet, lautet die Botschaft der Fröhlich-Bücher: Dick oder dünn, einfach oder kompliziert, ich finde im Prinzip alles ganz okay hier. Nur kommt diese Botschaft mit einem gewissen Hysterieüberschuss rüber, mit jener rhetorischen und dramaturgischen Überdrehtheit, aus der sich eine ganz andere Botschaft ergibt, nämlich: Ich flippe gleich aus.

Wir haben es hier nicht mit dem traditionellen Kontrastprogramm aus Manie und Depression zu tun. Sondern mit dem Programm Manie und Harmlosigkeit. Dieses ist, wie gesagt, nicht zu unterschätzen in seiner Aussagekraft. Es berührt erstens den aktuellen Zeitgeist. Das harmlos Manische oder manisch Harmlose liegt ja irgendwie in der Luft. Es berührt außerdem den aktuellen Phänotyp der desperate housewives. Das Leben dieses Typus, das Leben der Vorstadtwitwe Andrea Schnidt, kennen wir aus Susanne Fröhlichs Roman Frisch gemacht!. In ihrem neuen Roman Familienpackung erzählt sie es weiter. Frau Schnidt hat jetzt zwei Kinder und steigert sich in sieben erzählten Tagen in ihre Frustrationen, in die Dinge des Alltags derart hinein, dass dieser im Grunde permanent am Rand der Eskalation taumelt. Alles, was um und in Frau Schnidt passiert, ist ein bisschen drüber. Moppel-Ich würde sagen: ein bisschen übergewichtig. Wenn Frau Schnidt mit den Kindern zu Ikea fährt, wird nicht nur einem Kind übel. Nein, die Große kotzt bei der Rückfahrt das Auto voll, der Kleine scheißt buchstäblich in die Styroporballwiese der Ikea-Kinderbetreuung. Wenn Frau Schnidt beim Schwarzfahren erwischt wird, ist durch Zufall ein Team von RTL auf dem Bahnsteig, das sich anschließend in das Schnidtsche Reihenhaus drängt, dort noch ein bisschen filmt, und schon sieht die halbe Stadt Frau Schnidt abends in Explosiv. Ich muss wieder arbeiten gehen, denkt Andrea Schnidt auf Seite 148, dann drehe ich nicht so ab. Das sind die Kernsätze dieses Romans, dessen Reiz indes tatsächlich in seiner Forciertheit liegt und dessen Turbulenzkomik in den besten Momenten die Erzähltechnik der Screwball-Comedy berührt. Deren Lieblingsmotiv ist, wie auch hier, das durch Verwechslungen entstehende Chaos. Wenn Frau Schnidt, was relativ oft vorkommt, an scharfen Sex denkt, der in ihrem Jargon es mal wieder krachen lassen heißt, schickt ihr eine lesbische Freundin aus München ein vibrierendes Ersatzteil ins Haus, welches von der Deutschen Post aber zur Nachbarin geliefert wird. Auch gut. Die Damen machen Kaffeepäuschen und Schwätzchen und bestaunen das Teil. So sind sie, die desperate housewives.

Thematisch geht es in dem neuen Roman von Susanne Fröhlich um, könnte man sagen, Triebstau und kompensatorische Entladung. Wenn, wie in der ersten Szene, der Mann von den Stadtwerken klingelt, um den Stromzähler abzulesen, ist Andrea Schnidt schon an der Haustür so auf 180, dass ihr Hirn ihr nur noch zwei Möglichkeiten ausmalt: den Stadtwerker direkt gegen die Hauwand drücken, und dann: Ab geht's. Oder im Keller auf der Waschmaschine vernaschen. Der Mann heißt übrigens Herr Barts. Der Roman erzählt konsequenterweise nicht, was in Herrn Barts vorgeht. Aber es wäre eine Überlegung wert, wie er sich nach Feierabend fühlt, wenn er den Tag damit verbracht hat, in der Siedlung von Andrea Schnidt und ihren manisch-harmlosen Schicksalsgenossinnen Strom abzulesen. Es heißt immer, die 38-jährigen, großstädtischen Karrierefrauen gefährdeten die Harmonie der Geschlechter- und Fortpflanzungsverhältnisse. Von wegen. Allein lebende Karrieristinnen sind friedliche, überschaubare Geschöpfe. Die Fackel weiblicher Anarchie brennt in den Hausfrauenküchen der Vorstädte.

Susanne Fröhlich: Familienpackung

Roman - Krüger Verlag, Frankfurt a. M. 2005 - 250 S., 16,90 e