Bald wird der deutsche Spaziergänger das putzige Federvieh auf Teichen und Seen mit Argwohn betrachten. Schon im Herbst, wenn Wildvögel möglicherweise die Vogelgrippe über den Ural getragen haben, könnten Enten und Erpel potenzielle Seuchenherde sein. Ihr Kot würde das Millionenheer von Legehennen und Masthähnchen gefährden; es drohte eine Geflügelpest wie 2003 in den Niederlanden. Auch Menschen sind dann gefährdet.

Die animale Bedrohung aus dem Osten hat Politiker, Landwirte und Bürger aufgeschreckt. Innenminister Otto Schily grummelt, er könne Wildvögeln kein Einreiseverbot erteilen. Verbraucherministerin Renate Künast kündigt Stubenarrest für Hühner an. Und am Niederrhein zittern die Hühnerproduzenten vor einer drohenden Geflügelapokalypse.

Sieht ein Huhn nur ein bisschen blöd aus, geraten die Bauern in Angst

Die Aufregung hat hysterische Züge angenommen. In vielen Köpfen ist es von den toten Tieren jenseits des Urals nur ein kleiner Schritt zum Massenexitus unter Menschen. Doch so simpel arbeiten die Viren nicht; im Gegenteil, sie sind wählerisch. Sowohl die Menschengrippe als auch die Vogelgrippe wird durch ein Influenzavirus ausgelöst, trotzdem unterscheiden sich die Krankheiten erheblich: Die Vogelgrippe (auch Geflügelpest genannt) betrifft fast ausschließlich Vögel; sie ist nur entfernt mit der Menschengrippe verwandt, die jeden Winter deutsche Nasen verschnupfen und Bronchien verschleimen lässt. Deutsche Geflügelzüchter müssen das neue Virus fürchten, die Bevölkerung sollte sich gegen andere Grippegefahren wappnen.

"Die Bedrohung aus dem Ural ist zunächst eine Tierseuche und nichts anderes", sagt Thomas Mettenleiter, Chef der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere auf der Insel Riems. Immerhin ist Influenza A H5N1 ungewöhnlich reiselustig und aggressiv. Erstmals tauchte der Erreger 1997 in Hongkong auf. Millionen Hühner verendeten, 18 Menschen steckten sich direkt am Geflügel an, sechs von ihnen starben. Dann tauchte das Virus ab und erst 2003 wieder auf. Diesmal breitete es sich rasch in Asien aus, in Vietnam, Thailand, Kambodscha und China. 150 Millionen Vögel kamen um, entweder durch das Virus selbst oder durch vorsorgliche Keulungen des Geflügels.

Alle Tötungsaktionen halfen nichts, H5N1 spielte weiterhin Blitzkrieg. Im Zickzack reiste das Virus mit Wildvögeln bis nach Japan und zu den Philippinen. Im Mai setzte es zum Sprung in den Norden an. Es zog über die Rastplätze an den Ufern des Qinghai-Sees im tibetischen Hochland, durch Kasachstan und die Mongolei nach Sibirien. Im Juli erreichte H5N1 Nowosibirsk am Altaj-Gebirge. Von dort reiste es über das westsibirische Tiefland westwärts. Auf seinem Weg infizierte es Wildvögel und Hühner in Omsk, Kurgan, Tjumen, bis es schließlich Mitte August in Tscheljabinsk die Osthänge des Urals erreichte, 2200 Kilometer von Moskau entfernt. Insgesamt 11.000 Tiere raffte die Infektion dahin, 130.000 wurden gekeult. Seit ein paar Tagen scheint das Virus zu pausieren. Kein neuer Infektionsfall wurde gemeldet. In der russischen Öffentlichkeit spielt die Gefahr kaum eine Rolle (siehe Holzlatte gegen Geflügel ). Die Behörden wiegeln ab.

"Noch haben wir keinen bestätigten Fall einer H5N1-Infektion westlich vom Ural. Es gibt einen Verdacht in der Region am Kaspischen Meer", sagt Thomas Mettenleiter. Die Gefahr, dass Vögel aus der Gegend östlich des Urals im Herbst zu uns ziehen, hält er für außerordentlich gering – aber nicht unmöglich. Ein Transfer auf ganz anderen Routen im Frühsommer 2006 sei da wahrscheinlicher.