In Russland brachte es die Vogelgrippe nur selten auf die Titelseiten der nationalen Zeitungen – sogar der Boulevardpresse war im Zweifelsfall die Hochzeit des Schlagzeugers der deutschen Rockband Rammstein mit einer Russin wichtiger. Apokalyptische Bilder von Bergen toter Hühner blieben dem Fernsehpublikum weitgehend erspart, das sich auch ungern während der Sommerwochen auf der Datscha stören lässt. Ohnehin reagieren viele Russen auf gesundheitliche Risiken durch vergiftete oder verseuchte Lebensmittel weit weniger sensibel als Westeuropäer.

Das billige Hühner- und Truthahnfleisch ist für jene, die wenig Geld haben, sowieso ohne Alternative. In den Dörfern sichert das Geflügelvieh noch vor der klassischen Hauskuh die Grundernährung der Familie. Oft läuft es frei im Graben der Dorfstraße und am nächstgelegenen See oder Bach herum. An solchen Uferplätzen dürfte es zur Infektion mit dem Vogelgrippevirus durch Wildvögel gekommen sein. Zudem sammeln Dorfbewohner traditionell wilde Enten- und Gänsejunge ein, um sie gemeinsam mit ihrem Federvieh im Hof großzuziehen.

In den 40 Siedlungen im asiatischen Teil Russlands, die seit dem Ausbruch der Seuche im Juli von der Vogelgrippe befallen wurden, sind vor allem Privatvieh und Kleinfarmen betroffen. 78 weitere Siedlungen im Gebiet von Nowosibirsk, Tscheljabinsk, Tjumen, Kurgan, Omsk und Altaj stehen unter Infektionsverdacht. Bisher ist in Russland nach offiziellen Angaben noch kein Mensch mit dem Virus infiziert worden. Am Wochenende meldeten die Behörden 11000 verendete und mehr als 130000 gekeulte Tiere. Das entspricht gerade mal einem Zehntelprozent der Geflügelpopulation in Russland.

Entsprechend übten sich Geflügelfunktionäre und Politiker in den vergangenen Wochen im gelassenen Schönreden. Der stellvertretende Direktor einer Hühnerfarm im Gebiet von Tscheljabinsk kommentierte eine mögliche Ansteckungsgefahr für den Menschen mit den Worten: "Nur ein Dummkopf würde sich Sorgen machen." Der Nowosibirsker Gouverneur bezeichnete das Virus als "ungefährlich für den Menschen" und forderte zum vermehrten Verzehr von Eiern und Hühnerbrust auf.

Der oberste Hygienearzt, Gennadij Onischtschenko, fand vorschnell lobende Bürokratenworte für die Behörden: "Die großen Geflügelfarmen haben dank der rechtzeitigen Durchführung eines Komplexes von veterinär-sanitären und sanitär-antiepidemischen Maßnahmen nicht unter der Vogelgrippe gelitten." Doch am vergangenen Wochenende musste erstmals ein großer Geflügelhof im sibirischen Omsk mit 142000 Vögeln wegen des Verdachts auf Vogelgrippe unter Quarantäne gestellt werden.

Onischtschenko trägt die Maßnahmenliste der staatlichen Behörden gegen die Vogelgrippe in Moskau mit einer Strenge vor, die sich in der Weite Sibiriens verlieren dürfte: Isolierung der Geflügelfarmen, Inspektionen der Dörfer, Keulung der Tiere unter Verdacht und Massenproduktion eines Impfstoffes. Den Arbeitern der Farmen soll das heimische Vieh weggenommen werden, damit sie nicht mit ihren Stiefeln, in denen sie zu Hause das tote Geflügel wegräumen, das Virus in die Betriebe tragen. Fischfang und Baden ist an manchen Orten vorsorglich eingeschränkt. Ein Orenburger Geflügelunternehmer verteilte sogar Patronen an seine Mitarbeiter, damit sie Wildvögel mit Gewehrschüssen verjagen.

Die Isoliertheit der Dörfer und die geringe Bevölkerungsdichte erleichtert in Russland einerseits den Kampf gegen die Vogelgrippe. Ausbruchsorte der Infektion lassen sich leichter lokalisieren, zumal alle Arbeitsgänge der Geflügelfleischproduktion meist unter einem Dach stattfinden. Andererseits ist die Wirksamkeit der Maßnahmen beschränkt, da die Korruption oftmals nahe und das nächste Bezirksstädtchen Hunderte von Kilometern Schotterpiste entfernt liegt. Im Altaj-Gebiet versuchte bereits ein Geflügelunternehmer, den Ausbruch der Seuche und 9000 tote Vögel zu vertuschen. Bauern verstecken sich tagsüber mit ihren Hoftieren in der Taiga, da ihnen die staatliche Kompensation für ein gekeultes Huhn in Höhe von knapp drei Euro zu gering erscheint. Die Mitarbeiter der Hygieneinspektion dringen mittlerweile im Morgengrauen in die Dörfer ein, um die Bauern zu überrumpeln und verdächtiges Federvieh mit der Holzlatte zu erschlagen. An manchen Orten brauchen sie Polizeischutz.