Regierungspolitiker sind Sklaven der Zuversicht und zum Optimismus verdammt. Es geht mit dem Land bergauf, auch wenn es momentan bergab geht. Die Lage ist ernst, doch schon leuchtet Licht am Ende des Tunnels. Es gibt keine Krise, nur Chancen. Schaut man über die Landesgrenze, dann ist Tony Blair der Prinzipal der Schönfärber und Besserredner, im Felde unbesiegt. Auch im Kabinett Schröder dient ein Funktionär der Zuversicht. Wolfgang Clement verwandelt mit silberner Zunge Blech in Gold und Wasser in Wein. Er macht aus jedem Elefanten eine Mücke. Im Anstieg der Arbeitslosigkeit sieht er das sichere Zeichen wachsender Beschäftigung. Je trüber die Zahlen, desto größer das kommende Wunder der Vorsehung.

Funktionaler Optimismus das ist das Eiapopeia der regierenden Macht. Doch auf das Kabinett der Weißwäscher antwortet das Kartell der Schwarzmaler, die deutsche Opposition. Im Frühling spricht sie vom Herbst und sieht den Tunnel am Ende des Lichts. Alles wird schlechter, selbst wenn es besser wird: Deutschland, so verkündet der Oppositionspessimist seit Jahren, befinde sich im freien Fall und in seiner tiefsten Krise seit 1945. Schemenhaft huschen apokalyptische Reiter über den berstenden Deich. Vor uns stehen Hans-Olaf Henkel, Arnulf Baring und Meinhard Miegel; sie halten dem Moribunden die Hand und begleiten ihn auf seinem Weg nach unten, den Weg in den Abgrund. Abstieg eines Superstars. Bald gibt es mehr Arbeitslose als Bürger, bald überholt uns Burkina Faso.

Funktionaler Pessimismus – das ist der natürliche Refrain der Opposition und ihrer publizistischen Kohorten; nicht einmal Bundespräsident Köhler war die Tonlage fremd. Doch wehe, der Eliten Nachtgesang infiziert den sterblichen Bürger. Er soll nicht jammern, heißt es barsch, er soll hoffen. Es gibt ja noch die Opposition.

Wahlkampfzeiten sind glückliche Zeiten, denn hier kehrt sich alles um. Der Regierungsoptimist malt schwarz für den Fall, dass er nicht mehr regiert. Während die Regierung Abschied nimmt von ihrer vergangenen Zukunft, steht in der Opposition der Optimismus plötzlich in voller Blüte. Christdemokraten tragen Licht in die Finsternis, die sie selbst verbreitet haben. Gestern noch litt der deutsche Patient an prämortaler Entkräftung, schon morgen steht er wieder auf den Beinen. Falls die Opposition am Ende obsiegt.

Nun wendet sich die Szene. Die apokalyptischen Reiter der CDU treten ab, die Untergeher und Zwangspessimisten verstummen. Angela Merkel erscheint als Engel in der Misere, ganz in Weiß, wie die Krankenschwester mit dem Häubchen. Wunderheilung verspricht sie nicht. Ob die Therapie anschlägt, das liegt an jedem selbst, der Patient muss es nur wollen. Wenn er hart an sich arbeitet, wenn er die bittere Medizin schluckt, die Zähne zusammenbeißt und mehr Verantwortung für seine Genesung übernimmt; wenn er für weniger Gehalt bei einem modern aufgelockerten Kündigungsschutz länger fleißig ist, wenn er mehr Geld von seinem geringeren Einkommen für die Gesundheitsvorsorge abzweigt, wenn er sich sittsam in Bescheidenheit übt und enthemmt konsumiert, wenn er Heimat und Herkunft liebt und doch mobilflexibel keine Ortsveränderung scheut; wenn er der wachsenden Schar seiner klugen Kinder trotz verlängerter Wochenarbeitszeit rundum mehr Aufmerksamkeit schenkt – dann darf der deutsche Patient in den Garten der Freiheit entlassen werden. Freiheit ist, wenn jeder die Chance hat, sein eigener Optimist zu werden. Und wofür dann die jahrelange Schwarzmalerei, die Bulletins über deutsche Hinfälligkeit und lebensgefährliche Ermattung? Ganz einfach. Mit ihr setzt der Elitenpessimismus das "Anspruchsdenken" auf Diät und mildert die Leiden der Anpassung. Wenn der Patient dann zu sich kommt, genießt er den nachlassenden Schmerz. Es hätte schlimmer kommen können. Zum Glück ist er noch einmal in Deutschland erwacht und nicht in Burkina Faso. Das macht ihn zuversichtlich. Er dankt Angela Merkel und macht sich in Demut an die Arbeit. Und bald sind wir Fußballweltmeister. Thomas Assheuer