Ist das Leben nie gerecht? Die Frage muss rote und grüne Politikerinnen nach Angela Merkels Kür umtreiben. Da haben sie Spott und Intrigen bei endlosen Quoten- und Kinder-Küche-Karriere-Kämpfen ertragen - haben einen doppelt so hohen Frauenanteil in ihren Bundestagsfraktionen durchgesetzt wie die Union - und dann das: Just CDU und CSU nominieren eine Kanzlerkandidatin?

Ein Witz der Geschichte sei das, meint die grüne Verbraucherschutzministerin Renate Künast.

Die SPD-Forschungsministerin Edelgard Bulmahn blickt in die Erdgeschichte zurück. Der Urknall habe sich auch erst in Milliarden von Jahren aufgebaut, doziert sie. Und ähnlich ist es bei der Gleichberechtigung. Die Kandidatin Merkel wurde doch erst möglich in einem gesellschaftspolitischen Klima, das wir über Jahrzehnte verändert haben. Insofern, bestätigt ihre Parteigenossin Renate Schmidt, sei die Selbstverständlichkeit, mit der die CDU jetzt auf eine Frau setze, eigentlich ein Erfolg von Rot-Grün. Allerdings, ergänzt die Familienministerin, zur Normalität gehöre heute auch, dass das Frausein allein noch kein Qualitätsmerkmal ist. Im CDU-Wahlprogramm findet man zur Frauenförderung nur leere Seiten. Bärbel Höhn, grüne Spitzenfrau in Nordrhein-Westfalen, sieht das ähnlich: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Nicht, dass Rot oder Grün in Sachen Gleichberechtigung ohne Brüche wären. Man sah das etwa an den Girlanden, mit denen Frauen von Höhn bis Künast zuletzt auf dem Grünen-Parteitag für Joschka Fischers Alleinherrschaft als Spitzenkandidat plädierten statt für die parteiübliche Doppelspitze. Doch zweifellos kam ausgerechnet unter dem bekennenden Macho Gerhard Schröder Deutschlands frauenstärkste Regierung ins Amt: sechs Ministerinnen und eine Kulturstaatssekretärin. Zwar ist Deutschland nach sieben Jahren Rot-Grün noch immer nicht Schweden. Doch bei der Gleichstellung im öffentlichen Dienst, der Karriereförderung in der Wissenschaft, dem Ausbau der Kleinkinderbetreuung und den Ganztagsschulen ging es voran - auch bei Hartz IV, der Strafbarkeit von Gewalt in der Ehe und in der Entwicklungspolitik wurde nachgebessert.

Kleine Schritte, aber immerhin.

Hinzu kommt das Urheberrecht auf die erste weibliche Berliner Seilschaft: Beim monatlichen Hexenfrühstück stärkten die Frauen des Kabinetts einander den Rücken und koordinierten, so Bulmahn, all die vielen kleinen Einzelentscheidungen, die Frauenförderung bedeuten. Untereinander könne man eben doch freier sprechen, gesteht Renate Schmidt. So wie es die Männer schon immer getan haben: Wenn es in deren Augen wirklich ernst wird, bleiben sie unter sich. Auch seine Neuwahlpläne habe der Kanzler mit keiner Frau aus dem Kabinett besprochen.

In der Folge zeigen die rot-grünen Frauen (in Wahlkampfzeiten leicht spöttisches) Mitgefühl für Angela Merkel. Niemand glaubt doch im Ernst, sagt Bulmahn, dass sich Jungs wie Stoiber oder Koch von ihr irgendetwas sagen lassen. Schließlich sei sie ein Produkt des Zufalls, meint auch Höhn. Ohne Kohls Spenden-Affäre, so die Grüne, wäre Merkel keine CDU-Chefin und ohne Schröders Neuwahl-Coup keine Kanzlerkandidatin geworden: Klassisch: In schwachen Stunden kann's selbst bei der CDU eine Frau machen!