Als die Flutkatastrophe sich am Dienstag in Deutschland abzuzeichnen begann, beklagten Österreich und die Schweiz schon ihre Toten. Schuld am Dreiländerdesaster war ein Tiefdruckgebiet namens Norbert. Dessen Regenwolken hatten sich dort am heftigsten entladen, wo der Alpenriegel sich in Höhen von drei- und viertausend Metern erhebt: in der Zentralschweiz und im Kanton Bern. Im Ort Meiringen stürzten in 48 Stunden 205 Liter Wasser pro Quadratmeter vom Himmel - so viel wie noch nie. Der Vierwaldstättersee trat in Luzern über die Ufer. Der Krisenstab rechnete damit, dass der Rekordstand aus dem Jahr 1910 erreicht würde.

Immerhin ließ in der Schweiz der Regen am Dienstag nach, der Bodensee pufferte die Flutwelle - Entwarnung am Rhein. Auch entlang des Neckars entspannte sich die Lage. Die Donau allerdings hatte bei Redaktionsschluss die Flut noch vor sich: Die Wassermassen von Iller, Lech und Isar fließen in ihr zusammen. Was damit auf Bayern zukommt, lässt sich noch nicht sagen.

Nach Ansicht von Klimaexperten muss künftig mit extremen Situationen auch in Deutschland öfter gerechnet werden. Mit der Erde erwärmt sich das Wasser der Meere. Die Nachfolger von Täter Norbert werden sich daher über der Wasseroberfläche öfter voll saugen, als das früher normal war, und ihr Nass über dem Land ausschütten. Was einst als Jahrhunderthochwasser galt, kann sich in Zukunft alle paar Jahre wiederholen.

Christoph Schär von der ETH Zürich hält die gegenwärtige Kapriole für einen Vorboten des Wandels. Aufgrund seiner Berechnungen sagt er: Die Variabilität des Klimas wird wahrscheinlich deutlich zunehmen. In 50, 60 Jahren, davon ist der Klimatologe überzeugt, werde sich das Sommerklima von Jahr zu Jahr stärker unterscheiden, als wir es gewohnt seien. Zwischen die dann häufigeren Hitzesommer mit Rekordtemperaturen und Trockenheit werden sich ungewöhnlich feuchte Sommer klemmen. Das jetzige Hochwasser ist als Einzelereignis natürlich kein Beweis für diesen Trend, aber ein Indiz.

Die Klimapolitik dürfte, so zaghaft, wie sie zur Zeit betrieben wird, darauf keinen messbaren Einfluss haben. Was böte sich stattdessen als Gegenstrategie an - vielleicht Forstpolitik? In der Schweiz wird seit den schweren Hochwassern Mitte des 19. Jahrhunderts genau erforscht, welche Faktoren bei der Entstehung von Hochwasser eine Rolle spielen und insbesondere, welchen Einfluss der Wald auf das Abfließen der Wassermassen hat. Die Eidgenossen machten einst primär den schlechten Zustand des Waldes für das Desaster verantwortlich. Sie forsteten auf und förderten die Forsthydrologie, eine Wissenschaftsdisziplin, die das Wechselspiel von Wald und Wasser zum Gegenstand hat.

Tatsächlich wiesen die Experten nach, dass Wald eine maßgebende Dämpfung einer Hochwasserwelle bewirken könne - aber nicht im erwarteten Ausmaß. Der Wald hat die Erwartungen enttäuscht, sagt Christoph Hegg, Naturschutzexperte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

Gerade bei zunehmendem Niederschlagsvolumen nimmt die dämpfende Wirkung schnell ab.