DIE ZEIT : Bald könnte erstmals eine Frau die Bundesrepublik regieren. Ist das aus Ihrer Perspektive als Inderin, als Frau und international erfahrene Wissenschaftlerin ein schöner Fortschritt?

Shalini Randeria : (lacht) Als Inderin wundere ich mich über die Aufregung, die eine weibliche Kanzlerschaft in Deutschland verursacht. In Südasien werden seit 35 Jahren Frauen in fast jedem Land in politische Spitzenämter gewählt. Daran, dass Frauen das dürfen und können, gab es nie Zweifel. Nur haben diese Regierungschefinnen weder eine andere Frauenpolitik gemacht noch der strukturellen Benachteiligung von Frauen entgegengewirkt. Insofern ist die Wahl einer Frau nur von symbolischer Bedeutung.

ZEIT : Als Indira Gandhi zur Premierministerin gewählt wurde, waren Sie ein Kind. Gibt es Parallelen zwischen ihr und Angela Merkel?

Randeria : Tatsächlich habe ich bei der Kandidatur von Angela Merkel ein Gefühl des Déjà-vu. Als Indira Gandhi Ende der sechziger Jahre gewählt wurde, wurde die politische Klasse von Zweifeln geplagt angesichts ihrer mangelnden politischen Erfahrung, die Presse angesichts ihrer mangelnden rhetorischen Begabung. Es gab Bedenken, weil sie ohne starke regionale Verankerung auf dem indischen Subkontinent war und ohne eigene Machtbasis ein Spielball der Mächtigen. Was ihre Wahl erleichtert hat, war ihre Rolle als eine Kompromisskandidatin ohne klares Profil in schwierigen Zeiten. Sie hat sich mit einer Mischung aus Populismus, Pragmatismus und einzelnen totalitären Maßnahmen durchgesetzt. Die indische Gesellschaft hätte gut daran getan, sich rechtzeitig vor der Wahl mit der politischen Zerrissenheit ihrer Partei zu beschäftigen. Wofür steht Frau Merkel? Das wäre interessant zu wissen.

ZEIT : Trotzdem betonen Sie die immerhin symbolische Bedeutung ihrer Kandidatur. In der Mediendemokratie haben Bilder Macht. Können die Bilder einer Kanzlerin nicht in den Köpfen heutiger Mädchen dazu beitragen, dass weibliche Spitzenpositionen künftig selbstverständlich sind?

Randeria : Bestimmt. Aber da muss ich wegen der Ungleichzeitigkeit wieder schmunzeln. In Indien ist das Wahlvolk inzwischen bereit, eine Ausländerin, eine eingebürgerte Italienerin, zur Premierministerin der größten Demokratie der Welt zu wählen. Zwar ist auch dies vor allem von symbolischer Bedeutung, aber wie viele Jahrzehnte müssen noch vergehen, bis Deutschland so weit ist? Nein, das Geschlecht des Kanzlers ist ziemlich irrelevant. Aber es entbehrt nicht der Ironie, dass Sie mich nach meiner Einschätzung fragen. Denn ich mache zwar in vier Ländern der Welt Steuererklärungen, aber nirgends habe ich politische Rechte. Gern wäre ich deutsche Staatsbürgerin, könnte ich nur doppelte Staatsbürgerin sein, denn ich bleibe ja Inderin, auch wenn ich in Indien nicht lebe. In einer solchen Situation sind weltweit Millionen von Migranten. Das ist auch ein Grund, auf harte politische Inhalte zu beharren und der Symbolik wenig Beachtung zu schenken.