Der 24. September 1781 ist kein schöner Tag auf Menorca. Es ist kalt, Regen peitscht über die Insel. Und Christoph Friedrich Heinrich Lindemann, ein 32-jähriger evangelischer Pastor aus Hannover, befindet sich auch sonst in einer ziemlich ungemütlichen Situation.

»Wir sind«, vertraut er seinem Tagebuch an, »in allen Stücken ziemlich zum Mangel reducirt. Unsere Garderobe ist bei manchem, der seine Equipage verloren, sehr schlecht bestellt […]. Unsere Wäsche nimt sich eben nicht zum vorteilhaftesten aus. – Unser Linnen wird zwar weiß gewaschen, aber aus Mangel an Amydon nicht gesteift. Seife wird das Pfund zu 1 Thaler verkauft.«

Seit genau fünf Wochen sitzt Lindemann mit rund 3.000 anderen Menschen in der Festung San Felipe im äußersten Osten der Insel fest, bedroht von spanischen und französischen Truppen. Penibel notiert er in den nächsten vier Monaten, wie sich die Dinge entwickeln, Tag für Tag, und als er schließlich alles überlebt hat und wieder zu Hause in Norddeutschland ist, veröffentlicht er seine Aufzeichnungen mit dem Vorsatz: »Gefahren, wenn sie glücklich überstanden, sind uns nachher, wenn wir uns wieder daran erinnern, angenehm.«

Es ist das Verdienst zweier anderer Deutscher, die auf Menorca leben, des Schriftstellers Lothar Pabst und des Historikers Wilhelm Ziehr, dass sie Lindemanns Texte entdeckt und jetzt in einer deutsch-spanischen Ausgabe neu veröffentlicht haben (Diario del asedio de la fortaleza de San Felipe en la isla de Menorca; Institut Menorquí d’Estudis, Mahón; 432S., 19,– €; ISBN 84-95718-23-5). Denn das Tagebuch während der Belagerung des Forts St.Philipp auf der Insel Minorka ist nicht nur ein überraschendes Dokument der europäischen Militärgeschichte. Es macht auch in einzigartiger Weise die Vergangenheit jener Baleareninsel lebendig, die man hierzulande nur noch als sonniges Urlaubsland kennt und liebt.

Im August 1775 war Lindemann, nach Abschluss seiner theologischen Studien, als Feldprediger vereidigt und nach Menorca abkommandiert worden. Es unterstand der englischen Krone – König Georg III., der in Personalunion Kurfürst von Hannover war. So lagen neben den Briten zwei hannoversche Bataillone auf Menorca, und um das Seelenheil dieser rund 800 Männer sollte Lindemann sich kümmern.

»Wie konntet Ihr es wagen, Piraterie gegen den König zu treiben?«

In Georgetown, der neu angelegten Garnison östlich der Inselhauptstadt Mahón, hatte er eine »bequeme Wohnung« bezogen, hatte mit den Offizieren und Soldaten den Gottesdienst gefeiert, hatte Kranke besucht und Verzweifelte getröstet, hatte die Zeit aber auch gut für seine eigenen Interessen genutzt und – eine ausführliche Geographische und Statistische Beschreibung der Insel Minorka verfasst (auch sie wurde, auf Katalanisch und mit einem Faksimile des deutschen Textes, von Pabst und Ziehr neu veröffentlicht: Descripció geogràfica i estadística de l'illa de Menorca ; 474S., 21,– €; ISBN 84-95718-04-9).

Doch nach fünf Jahren war er des Eilands überdrüssig. Vom Hof- und Regimentschirurgen ließ er sich attestieren, »daß das hiesige sehr warme Clima seiner Constitution gäntzlich zuwieder« sei und er »daselbe zur Wiederherstellung seiner Gesundheit verlassen müsse«. Ende Juni 1781 wurde seine Rückkehr nach Hannover genehmigt. Er möge nur noch die Ankunft seines Nachfolgers abwarten.

Doch bevor dieser die Insel erreichte, kamen am 16. August 1781 alarmierende Nachrichten: Im Hafen von Cádiz werde eine große Flotte ausgerüstet; Menorca solle für die spanische Krone zurückerobert werden.

Nichts Neues für die Menschen auf der östlichsten der Baleareninseln. Immer war ihre Heimat begehrtes Gut. Phönizier, Griechen, Karthager, Römer – sie alle griffen nach Menorca. Vor allem die große, fjordartige Bucht im Osten der Insel (wo zu Römerzeiten Portus Magonis, das spätere Mahón, zur Stadt heranwuchs) machte sie mehr und mehr zu einem Objekt der Begierde für alle seefahrenden Nationen: der größte Naturhafen der damaligen Welt, leicht gekrümmt, gut fünf Kilometer lang, von Anhöhen umgeben, mit einer schmalen Einfahrt nach Südosten hin, die zu beiden Seiten von hohen Klippen aus bewacht werden konnte.

Im 5. Jahrhundert herrschten die Wandalen auf Menorca, im 8. kamen die Mauren, im 13. die Katalanen, 1469 übernahmen Spaniens Könige. Zum Schutz vor der Flotte des Sultans ließen Karl V. und Philipp II. von 1554 an über der Hafeneinfahrt von Mahón die Festung San Felipe errichten.