Es war, statistisch gesehen, ein Ereignis, wie es alle 300 Jahre vorkommt. Geschätzte Schadensumme in der Schweiz: eine Milliarde Franken. Es regnete und regnete. Über Genua drehte ein Tief im Kreise, es saugte Wasser aus dem Mittelmeer und schickte ununterbrochen warme, regenschwere Luft an den Alpennordrand.

Der Regen ging nieder über der Schweiz, dem Westen Österreichs, dem Süden Deutschlands. Die gleiche Wetterlage wie vor drei Jahren, als nach starken Niederschlägen Elbe und Oder über die Ufer traten. Und wie damals, im Juli 1342, als das Magdalenen-Hochwasser den Alpenraum überschwemmte, die Sintflut des Mittelalters, die größte Überschwemmung seit Menschengedenken. 6000 Menschen starben allein an der Donau.

Damals stand das Benediktinerkloster in Engelberg schon seit 222 Jahren. Ein Zürcher Adliger hatte das Kloster in den Bergen der Zentralschweiz, am Fuß des Titlis, gestiftet. Bis 1798 übte der Abt in Engelberg die alleinige Herrschaft aus, war Richter und Grundbesitzer. Noch heute ist das Kloster der größte Landeigner und Arbeitgeber der Gemeinde.

Es hatte am Freitag geregnet. Am Samstag. Am Sonntag, 21. August, regnete es ununterbrochen, und der Gemeinderat von Engelberg alarmierte die Naturgefahrenkommission. Das sind alteingesessene Dorfbewohner, welche die Zeichen des Himmels zu deuten vermögen und im Winter rechtzeitig vor Lawinen warnen. Jetzt meldeten sie, dass sich einige Bäche, die seit Jahrzehnten kein Wasser mehr geführt hatten, wieder belebten. Die Engelberger Aa, das ruhige Wässerchen, das am Rande des Dorfes fließt, war ein reißender Wildbach. Aber keine Anzeichen für eine drohende Katastrophe.

In den Hotels und Ferienhäusern ertrugen 1500 Gäste das Hudelwetter. Die Musikbar Yucatan am Bahnhofsplatz war geöffnet wie jeden Sonntag. Engelberg ist zu einer Destination der Freizeitgesellschaft geworden. Im Kloster sind die kargen Mönchsklausen nur noch zu einem Drittel besetzt, 38 von 120. Nach dem Komplet, dem Abendgebet um 20Uhr, ging Pater Guido früh zu Bett. Denn anderntags wollte er ins Tal hinunter, eine Junioratswoche, Ausbildung für den spärlichen Benediktinernachwuchs. Morgens um 4 Uhr weckten Sirenen, Wasseralarm. Das Radio meldete Hochwasser in den Seen und Flüssen des Mittellandes. Keine Anzeichen einer Katastrophe in Engelberg. Aufgebot der Feuerwehr und des Zivilschutzes.

Dann fielen, von 6 Uhr morgens bis um Mitternacht, in 18 Stunden 135 Liter Wasser auf jeden Quadratmeter Boden der Berggemeinde. Vormittags um 11 Uhr wurde die Kantonsstraße, die einzige fahrbare Verbindung ins Unterland, von einem Erdrutsch bedeckt. Am Nachmittag begann die Feuerwehr mit der Evakuation gefährdeter Wohngebiete. Gegen Abend riss die Engelberger Aa eine Brücke mit, die das Flussbett verstopfte. Das Wasser suchte sich jetzt einen Weg mitten durchs Dorf, füllte Keller, floss durch Stuben, nahm eine Abkürzung durch die Yucatanbar, riss Autos mit und Gartenmöbel.

Achtzig Feuerwehrleute holten die Bewohner aus umspülten Hotels und Häusern. Peter Rödiger, geboren in Bad Staffelstein bei Bamberg in Oberfranken, seit 25Jahren Koch im Kloster von Engelberg, hörte das Wasser durch seinen Garten rauschen. Als er rausging, stand es einen Meter hoch. Er fiel in einen Abflussschacht, dessen Deckel weggeschwemmt worden war. Das Bein war verletzt, und er kam nicht mehr raus, nicht aus dem Loch und nicht aus dem Wasser, das ihn fast bis zum Hals bedrängte. Zwei Nachbarn eilten zu Hilfe. Nachts um 21.50 Uhr meldete ein Wachposten dem Krisenstab, der Viadukt eingangs des Dorfes sei weggebrochen, Straße und Schiene auf einer Länge von 80 Metern weggespült. Der Krisenstab hielt den Mann für verrückt, sandte die Polizei aus. Die Polizei bestätigte. Engelberg von der Außenwelt abgeschnitten. Morgens um 4 Uhr fiel der Strom aus.

Steinzeit, dachte Peter Rödiger, das Bein verletzt, die Stube im Kerzenschein, ohne Möglichkeit, einen Arzt zu rufen oder das Haus zu verlassen.

Titanic, dachte Hotelier André Gobet, 30Gäste in den Zimmern des Hotels Cathrin, als es regnete und regnete. Unablässig hatte er seine Gäste beruhigt. Uns geschieht nichts, bis hierher ist das Wasser noch nie gekommen. Und dann war es da, hatte das Hotel umspült. Mit Lastwagen waren sie alle, seine Familie, das Personal, die Gäste, zu einem Kollegen gebracht worden, dessen Haus etwas höher lag.

Die Verbindungen zur Außenwelt tot, kein Fernseher, kein Radio, kein Telefon. Nur eine intakte Arche: das Benediktinerkloster, Schutz und Schirm aus längst vergangener Zeit. Strom dank eigenem Kraftwerk. Eine riesige Küche. Nur der Küchenchef verletzt zu Hause. Der erlebte seine schlimmste Zeit. Konnte nicht helfen. Der Koch des Hotels Engelberg übernahm die Klosterküche. Andere Hotels sandten Hilfspersonal. Pater Guido koordinierte. Dienstag gab es bereits ein warmes Mittagessen für 300 Personen, am Abend kamen 400. Ein Helikopter überflog das Gebiet; der Krisenstab nahm einen Augenschein. Einige Männer weinten. Engelberg nicht mehr zu erkennen. Hässliche braune Furchen in den Hängen. Der Fluss hatte viel Land gefressen, auch einen Teil des Golfplatzes in die Tiefe gerissen. Noch waren viele Bauernhöfe nicht zugänglich.

Einen Tag später, am Mittwoch, konnte Peter Rödiger endlich einen Arzt aufsuchen. Ein Bagger transportierte ihn auf der Schaufel bis zur Praxis. Jetzt wurde auch eine Luftbrücke bis ins Tal eingerichtet. Es gab Nachrichten von draußen. Teile von Luzern und Bern unter Wasser. Zwei tote Feuerwehrleute in Entlebuch, zwei tote Frauen bei einem Erdrutsch in Brienz. Ein Wunder, dass in Engelberg niemand umgekommen war. Aber bei Sarnen war der See über die Ufer getreten, die Kirche des Benediktinerinnenklosters St. Andreas stand einen Meter unter Wasser. Pater Guido war besorgt. Zum Glück nur war dem Gnadenbild des Sarner Jesuskindes, Ziel unzähliger Wallfahrten, nichts geschehen. Die Schwestern hatten die Statue aus dem 14. Jahrhundert als Erstes in Sicherheit gebracht.

In Engelberg nahmen die meisten Touristen einige Stunden Wartezeit in Kauf, um mit dem Helikopter dem Schrecken zu entfliehen. Koffer und Autos ließen sie zurück. Andere Gäste, Deutsche und Holländer, verlängerten ihre Ferien, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen.

Im Amazonasgebiet, wenn der große Regen kommt und der Fluss in einer Nacht um Meter anschwillt, beobachten Anwohner hin und wieder, wie sich kleine Inseln bilden, auf denen sich die unterschiedlichsten Tiere in einem göttlichen Frieden versammeln und den Sturm abwarten; im Banne der tosenden Natur fressen die Tiere einander nicht. Am Donnerstag läuteten die neun Glocken der Stiftskirche von Engelberg zum ökumenischen Gottesdienst. Die Kirche war voll wie nie, der protestantische Pfarrer tröstete mit den Worten: Mit der Gefahr wächst die Rettung.

Pater Guido spürte eine Besinnung und einen Zusammenhalt im Dorf, wie er es noch nie erlebt hatte. Jeder Streit wie weggeschwemmt. Und er hofft, dass dieser Zustand noch eine Weile anhält. Denn der Schreck, der große Schreck, so denkt er, könnte erst noch kommen. Wenn der ganze Schaden sichtbar wird. Und, wer weiß, die Gäste ein Dorf plötzlich meiden, wo von einer Stunde auf die andere der ruhige Fluss des Lebens außer Rand und Band gerät.