"Die Rückgewinnung unserer Kultur kann nur durch eine Neue Moderne gelingen" (Jürgen Rüttgers)

Bundestagswahlkampf, die Zeit der symbolischen Sekunden. Ein neues Verbindungsstück Autobahn wird eingeweiht, Wittke muss ein Band durchschneiden, der Konkurrent aus Berlin ist bestimmt wieder vor ihm da. Der Staatssekretär aus dem Bundesministerium für Verkehr reist durch Wittkes Land. Allein die Bundesregierung bestimmt über das Geld für Autobahnen, tja, ohne die Roten in Berlin kein Zubringer der Schwarzen in Düsseldorf. An dieser unausgewogenen Beziehung arbeitet Wittke gerade auf seine Weise. Er rast zur A1 bei Hagen-Nord – und der Staatssekretär von der SPD ist tatsächlich vor ihm da. Wittke springt ins Fahrerhäuschen eines Baggers und steuert die Schaufel, der Staatssekretär muss untätig auf dem wulstigen Reifen stehen. Eine ehemalige Kaserne im Sauerland, heißt es daraufhin, dürfe Wittke nicht betreten, Bundeseigentum, verbotenes Terrain für einen CDU-Minister im Wahlkampf. So geht das ständig hin und her. Oliver Wittke hat im Moment kein Auge für den Stau auf der Gegenspur, er blättert in Papieren und wirkt sehr angestrengt.

Am nächsten Morgen öffnet er feixend die Haustür und sagt: "Kommen Sie rein, das hier ist mein Oggersheim." Eine Essküche, ein großzügiges Wohnzimmer, ein gepflegter Garten, es war schon das Haus der Eltern und Großeltern. Nichts Aufregendes ist hier zu besichtigen. Keine Leitz-Ordner mit verschwörerischen Pamphleten, keine Adenauer-Büsten, nur ein wedelnder Rauhaardackel. Vielleicht ist die Wende wie dieser Hund. Ein freundlicher, kleiner Kerl, der unmöglich große Erwartungen erfüllen kann. Der Dackel kläfft aufgeregt. "Ruhig, Zeus!", kläfft Wittke zurück.

Vor einigen Monaten sah er seltsame Szenen vor seinem Haus. Nachbarn krochen über Gehwege, kratzten Unkraut aus Fugen. Eine Kommission hatte sich angekündigt. "Wir haben da nicht mitgemacht", sagt Wittkes Frau Anja, sie ist Lehrerin. Wie der Wettbewerb des Siedlerbundes um Deutschlands schönstes Wohnviertel ausgegangen sei, wisse sie nicht. "Ansonsten sehr nette Leute hier. Alles auch ein bisschen spießig, ja." – "Alles auch ein bisschen spießig", sagt darauf ihr Mann.

Am Nachmittag wartet Anja Wittke mit ihrem jüngsten Sohn vor dem Gelsenkirchener Zoo. Wittke ist pünktlich eingetroffen, aber der wichtigste Gast fehlt noch. "Will der Ministerpräsident Eisbären oder lieber Seelöwen füttern?", erkundigt sich eine Tierpflegerin. "Tja, Wahlkampf", sagt Wittke. Schließlich fährt Rüttgers vor und beschwert sich bei ihm lachend über den Stau.

Vor dem Gehege mit den Luchsen hebt Wittke seinen kleinen Sohn auf die Schulter und stellt sich im Pulk der Parteileute neben seine Frau. Offenbar hat er die Frage, ob er die Familie "einbaut", in diesem Moment beantwortet.

"Der Kern all dieser Kulturtechniken war der Gedanke eines Gottes, dessen Ebenbildlichkeit im Menschsein aufscheinen sollte" (Jürgen Rüttgers)

Oliver Wittke schultert sein Gewehr, klettert auf den Hochsitz und legt einen Zeigefinger auf den Mund. Auf dem Weg zu seinem Jagdrevier hat er gesagt, er könne einen "Schalter umlegen", sobald er in den Wald gehe, "total entspannen". Die Lichtung vor der Kanzel ist ganz von Schlingpflanzen überwuchert, ein Gelsenkirchener Dschungel hinter den Lärmschutzwällen einer Autobahn. Wittke sucht nach einer verräterischen Regung im Gestrüpp. Nichts, nicht einmal ein Kaninchen. Lange sitzt er stumm auf seinem gepolsterten Brett, dann fängt er an, im Flüsterton über die Sozialdemokratie nachzudenken. Im Dämmerlicht dieses Spätsommerabends klingt das alles seltsam melancholisch.

Ein Trendforscher habe ihm erklärt, warum die SPD das Regieren verlernen werde. Ihm habe das sofort eingeleuchtet. Setze sich die SPD für die Verlierer der Modernisierung ein, bleibe sie als Partei einer Minderheit abgeschlagen zurück. Wende sie sich von den Verlierern ab, werde sie von links bekämpft und müsse am Rand der Mitte leben. Aber dort sei es zu eng für eine Partei, die auf Mehrheiten aus ist. Danach schweigt Wittke wieder lange, seine Augen wandern müde ins Laub.

Hinter den Bäumen dreht sich ein Windrad auf einer begrünten Abraumhalde. Wenn bald die Blätter fallen, sieht man es wieder ganz deutlich. Wittke kommt darauf nicht zu sprechen, es fällt ihm nicht mehr auf. Erst als er mit seinen Gedanken aus dem Wald zurückgekehrt ist, sagt er: "Wenn die Wirtschaft nicht in Fahrt kommt, werden auch wir scheitern."

Es ist der 51. Tag des Ministers Oliver Wittke, als dieses scheußliche Wort in die Stille platzt. Bestimmt wird er es so schnell nicht wieder aussprechen. Scheitern. Unwort des Wendejahres 2005. Die Radionachrichten melden fünf Kilometer Stau auf der A43 in Richtung Münster, sieben Kilometer auf der A46 bei Wuppertal, der Ring Köln-Nord ist verstopft, Ausweichempfehlungen: keine.

Oliver Wittke stapft durch die hereinbrechende Nacht. Morgen muss er zuerst ein paar Büsche in seinem Vorgarten ausgraben, am Abend zu einem Fest nach Datteln, seine Frau fährt wohl mit. Es gilt wieder, den Ministerpräsidenten zu vertreten. Dessen Buch hat er noch nicht angerührt. Und im Büro müsse er unbedingt noch das Kreuz anbringen.