Begreifen, was wir zu tun wagten – Seite 1

Im August 1980 veränderte Polen das Gesicht der Welt. Ich war damals 34 und überzeugt, dass meine Generation Geschichte schreibt. Um mich an jene wunderbaren Tage zu erinnern, greife ich nach meinen damaligen Notizen – dem eigenen Gedächtnis vertraue ich heute nicht mehr. Zu viel Bitterkeit und Wehmut hat sich in den letzten Jahren darin angesammelt. Ich will und kann nicht gemeinsam mit denjenigen feiern, die heute ihr Wissen über die demokratische Opposition und die Solidarnosc aus den Archiven des Sicherheitsdienstes (SB) schöpfen und dabei polizeiliche Denunziationen wie eine Bibel behandeln. Ich fühle mich von ihnen besudelt.

Die damalige Erfahrung, die historische wie die persönliche, lässt sich nicht in der Sprache polizeilicher Denunziationen erzählen. Deshalb müssen wir selbst versuchen, zu begreifen, was wir zu tun wagten. Wir müssen den Sinn unserer Lebensläufe wiederfinden.

Wie im Modergeruch eines alten Hauses siechte das kommunistische Polen, genannt Volkspolen, dahin. Es war ein Land, dessen Außenpolitik, Armee und Polizei den Entscheidungen der Sowjetunion unterlagen; in dem eine kommunistische Nomenklatur, polizeiliche Bespitzelung, eine aufgezwungene Ideologie, Angst und Heuchelei regierten. Das Produkt dieses Systems war der geprügelte und begeiferte Mensch, der erst Mut fasste, wenn er Alkohol getrunken hatte, um dann seinen Hass auf alles und jeden zum Ausdruck zu bringen. Das kommunistische System züchtete diese heimliche Wut; ängstlicher Kleinmut, Opportunismus, Apathie und Zynismus waren gang und gäbe.

Im August 1980 atmete Polen frische, saubere Luft. Der Streik in der Danziger Werft führte zu den berühmten Danziger Vereinbarungen und der Gründung von Gewerkschaften, die unabhängig vom kommunistischen Regime waren. Das war kein Gelegenheitskompromiss – es war die vollständige Delegalisierung des Systems der kommunistischen Diktatur; man kann von der "Augustrevolution der Solidarnosc" sprechen. Der August 80 gab dem menschlichen Gefühl für Freiheit, Würde und Wahrheit seinen Sinn zurück.

Die Zeit des Auguststreiks verbrachte ich im Gefängnis, nachdem der Sicherheitsdienst mich präventiv verhaftet hatte. Wie in allen Diktaturen glaubte man noch immer, die Polizei könne die Geschichte regieren. Am 31. August wurden die Vereinbarungen unterzeichnet, die den Streik beendeten. Am 1. September wurden wir freigelassen und fanden uns in einem anderen Land wieder. Ich notierte damals ad hoc: "Die ruhige Entschlossenheit der Streikenden, die spontane Disziplin, die Reife der Forderungen der Arbeiter". Die jüngsten Ereignisse, schrieb ich, hätten bewiesen, dass die polnische Gesellschaft nicht weiter unter Bedingungen fortschreitender Verlogenheit, Entmündigung und Pauperisierung leben konnte und wollte. Es sei ein berechtigter Anlass zu nationalem Stolz, dass wir es verstanden hätten, unsere Rechte auf die vernünftigst mögliche Art und Weise zurückzufordern. Ich glaubte an irgendeine Form weitgehender Autonomie und demokratischer Freiheiten im Rahmen der Breschnew-Doktrin. Das war der damalige Horizont der ganzen Solidarnosc.

Wir hatten es nicht leicht – der Sicherheitsapparat vergiftete uns das Leben mit Verhaftungen, Misshandlungen, Berufsverboten, Erpressungen. Man sammelte "Fanghaken" gegen uns, fabrizierte kompromittierendes Material, entzweite uns mit Lügenintrigen. Viele hielten diesen Druck nicht aus, sie zogen sich zurück, brachen zusammen, verließen Polen. Niemand von uns hätte damals gedacht, dass diese Geheimdienstarchive Jahre später, als es schon keinen Sicherheitsdienst, kein Volkspolen, ja sogar keine Sowjetunion mehr gab, ein Eigenleben gewinnen würden; dass die schöne Zeit schöner Menschen sich in einen Morast von Geheimdienstdenunziationen verwandeln würde.

Denn diese unblutige polnische Revolution der Solidarnosc war wirklich schön – sie war ein Karneval der Freiheit, des Patriotismus und der Wahrheit. Diese Bewegung förderte bei den Menschen das Wertvollste in ihnen zutage: Uneigennützigkeit, Toleranz, Edelmut, Freundlichkeit gegenüber anderen. Diese Bewegung war kreativ; sie gab den Menschen ihre Würde wieder und zehrte nicht vom Bedürfnis nach Rache. Nie zuvor und nie danach war Polen ein so sympathisches Land.

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All das veränderte das Bild Polens in der Welt. Polen, das man gemeinhin als ein Land draufgängerischer Kavalleristen sah, die Attacken gegen Panzer ritten, darüber hinaus aber als ein Land von Säufern und Obskuranten, Antisemiten und Banausen, wurde zu einem wichtigen und geachteten Land. Man bewunderte nicht nur den polnischen Mut, sondern auch die polnische Besonnenheit, nicht nur Patriotismus und Ehrgefühl der Polen, sondern auch ihre Selbstdisziplin und ihren Realitätssinn.

Die sich selbst beschränkende polnische Revolution griff nicht nach der Macht im Staat. Die Solidarnosc postulierte das Modell einer selbstverwalteten Republik. Das zeigte viel Realismus, aber auch viele Illusionen, denn ein solches Demokratiemodell funktionierte nirgends auf der Welt. Das kommunistische Regime dagegen – unter dem ständigen brutalen Druck Moskaus – konnte kein vernünftiges Modell einer Koexistenz vorschlagen. Um sich und vielleicht auch das Land vor einer sowjetischen Intervention zu schützen, rief es im Dezember 1980 den Kriegszustand aus. Die führenden Vertreter der Solidarnosc wurden verhaftet, sie selbst wurde für illegal erklärt.

In den Untergrund abgedrängt, hielt die Solidarnosc sieben lange Jahre durch. Sie ließ sich weder brechen noch in den Extremismus einer fanatischen Sekte abdrängen, die vom Bedürfnis nach Rache zehrt. Damals erzählten wir uns immer wieder einen Witz, den wir wohl von unseren tschechischen Freunden in Prag gehört hatten. Was muss geschehen, damit die sowjetischen Truppen aus Polen abziehen? Es gibt zwei Möglichkeiten: eine rationale und eine wunderbare. Die rationale ist die, dass der heilige Georg, der Drachentöter, an die Weichsel kommt und die sowjetische Armee verjagt. Und das Wunder? Das Wunder wäre, wenn sie von selbst gingen.

Aus unserer Sicht war Gorbatschows Perestrojka ein wirkliches Wunder. Die Revolution der Solidarnosc war für das sowjetische System das, was für die katholische Kirche die Reformation war – die Infragestellung sämtlicher Dogmen der Institution, wenn auch nicht der Dogmen des Glaubens. In den sowjetischen Debatten tauchten Themen auf, die vom August 80 wohlbekannt waren: die Forderung nach der Wahrheit über die stalinistische Vergangenheit und über die wirtschaftliche Lage; die Forderung nach Redefreiheit und Pluralismus, nach Reformen und Rechtsstaatlichkeit. Zwei Streikwellen waren 1988 für die volkspolnischen Politiker die letzte Alarmglocke. Als Resultat von Gesprächen am Runden Tisch kam es zur Legalisierung der Solidarnosc und zu freien Wahlen im Juni 1989, bei denen die Solidarnosc triumphierte. Die Revolution war zu Ende – ohne eine einzige Barrikade, ohne einen einzigen Schuss, ohne ein einziges Opfer.

Der Historiker Jerzy Jedlicki schrieb später: "Heute, da jeder x-Beliebige sich erlaubt, auf den ›Runden Tisch‹ zu spucken, äußere ich gern meine Überzeugung, dass diese Vereinbarung ein Meisterwerk politischer Kunst und Ethik war und dass ihr Beispiel Osteuropa möglicherweise Ströme von heroisch vergossenem Blut erspart hat." Doch jene "Geiferer" sind heute Legion, der Erfolg des Runden Tisches wird häufig als ein Verrat an der Nation betrachtet. Die letzten 15 Jahre waren eine Zeit der demagogischen Versprechungen und Verratsvorwürfe, der Korruptionsskandale, des Klientelismus, der Verachtung für die Wahrheit und der Dreckschleuderei gegen die Verdientesten. Zugleich waren es die besten 15 Jahre in den letzten drei Jahrhunderten der polnischen Geschichte.

Denn wie sieht die Bilanz der polnischen Transformation aus? Die Arbeiter besitzen heute alle Rechte, auch wenn ihre Lebensumstände mitunter dramatisch schwierig sind und die Gepflogenheiten privater Unternehmenseigentümer nicht selten an die Epoche des Wolfskapitalismus erinnern. Alle Rechte haben auch die Bauern, aber ihre Stimmung beherrscht die Furcht vor ausländischer Konkurrenz und dem Strukturwandel des polnischen Dorfes. Auch den Intellektuellen und Künstlern sitzt kein ideologisches Gebot und keine Zensur mehr im Nacken, sie schreiben, was sie wollen. Aber ihre in der Epoche der Diktatur so wichtige und vernehmbare Stimme verhallt heute in der Kakofonie der Massenkultur. Obwohl also alle die Rechte erhalten haben, für die die Menschen des August 80 kämpften, ist niemand zufrieden mit dem freien Polen.

Jede weitere Welle der Unzufriedenheit illustrieren die Ergebnisse der folgenden Parlamentswahlen. Das belegt im Übrigen, dass das demokratische System regelgerecht funktioniert: Die Gesellschaft hat das Recht erhalten, die Regierung friedlich auszuwechseln, und sie nutzt es. Das Problem ist nur, dass nach jeder Auswechslung ein Wunder erwartet wird, die Zeit der Wunder aber mittlerweile vorbei ist. Die Frustration über die Arbeitslosigkeit und den Verlust der sozialen Sicherheit geht einher mit einer Frustration anderer Art: Der Gerechtigkeit wurde nicht Genüge getan.

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Viele verdienstvolle Aktivisten der demokratischen Opposition und der Solidarnosc werden zornig, wenn sie sich die finanziellen Blitzkarrieren von Leuten des alten Regimes anschauen. Sie sehen eine Welle organisierter Kriminalität, um sich greifende Korruption, die Selbstzufriedenheit und den Zynismus von Lakaien des alten Regimes – und sie suchen nach den Schuldigen. Oft sagen gerade sie, die Solidarnosc-Revolution sei verraten worden; ein Rezept sehen sie darin, SB-Agenten in den Polizeiarchiven ausfindig zu machen. Sie wiederholen immer wieder, die Rechnungen für das begangene Unrecht seien nicht beglichen worden.

In vielem haben sie Recht. Schlimmer noch, die grundlegende Idee einer sich selbst verwaltenden Republik wurde ersetzt durch das System einer parlamentarischen Demokratie und einer auf Privateigentum beruhenden Marktwirtschaft. Die Zeit uneigennützigen Heldenmuts ist vorbei – das Ethos der Solidarität wurde von Unternehmer- und Konkurrenzgeist verdrängt. Großherziges soziales Engagement, bravouröser Mut und ritterliches Ehrgefühl wurden zu Waren, die auf dem polnischen Markt nicht nur selten sind, sondern auch wenig geschätzt. Gerissenheit und Brutalität sind in den neuen Zeiten unvergleichlich wirkungsvoller und populärer geworden. Die Intrige tarnt sich mitunter geschickt als Edelmut, und Fanatismus hüllt sich in das Gewand der Verteidigung von Grundsätzen. Kann es dann verwundern, dass Menschen, die dem Kampf für ein freies Polen ihre besten Jahre gaben, frustriert sind?

Aber jeder revolutionäre Umschwung weckt Hoffnungen, die sich nicht erfüllen lassen. In diesem Sinne bleibt jede Revolution unvollendet oder wird verraten; keine bewirkt, dass die Sünder bestraft und die Gerechten belohnt werden. Mögen uns gute Geister vor Revolutionen beschützen, die die Rechnungen von Tugend und Untugend begleichen! Wer vollendete Gerechtigkeit will, sollte bedenken, dass nur Exekutionen vollendet sind.

Zu Beginn dieses Jahres erregte die polnische Öffentlichkeit die Bekanntgabe einer langen Liste mit den Namen von offiziellen und inoffiziellen Mitarbeitern des SB sowie von Personen, die der SB erfolglos anzuwerben gewünscht oder versucht hatte. Zehntausende Menschen fühlten sich besudelt. Die Entehrung der Solidarnosc-Revolution und ihrer Helden durch die SB-Archive ist für die einen eine Heldentat, für andere dagegen eine in ein Faulbecken geschleuderte Granate: die einen tötet sie, andere verwundet sie, alle übergießt sie mit der stinkenden Brühe. Und genau so verletzt, frustriert und besudelt werden wir den 25. Jahrestag der Augustrevolution feiern.

Bleibt nur zu hoffen, dass der polnische Organismus das Gift der verfälschten Geschichte abwehrt. Und wir nach diesem Dreckschwall lernen, vernünftig über das zu sprechen, was wir zu tun wagten. Polen ist ein Land wunderbarer und überraschender Ereignisse; im polnischen Kessel rühren Teufel und Engel immer abwechselnd.

Aus dem Polnischen von Silke Lent

Der Historiker Adam Michnik, geboren 1946, ist Chefredakteur der größten polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza". 1980 war er Berater der Solidarnosc, später auch Mitarbeiter von Lech Walesa, dem Gewerkschaftsführer und späteren Staatspräsidenten, mit dem er sich 1990 überwarf.