All das veränderte das Bild Polens in der Welt. Polen, das man gemeinhin als ein Land draufgängerischer Kavalleristen sah, die Attacken gegen Panzer ritten, darüber hinaus aber als ein Land von Säufern und Obskuranten, Antisemiten und Banausen, wurde zu einem wichtigen und geachteten Land. Man bewunderte nicht nur den polnischen Mut, sondern auch die polnische Besonnenheit, nicht nur Patriotismus und Ehrgefühl der Polen, sondern auch ihre Selbstdisziplin und ihren Realitätssinn.

Die sich selbst beschränkende polnische Revolution griff nicht nach der Macht im Staat. Die Solidarnosc postulierte das Modell einer selbstverwalteten Republik. Das zeigte viel Realismus, aber auch viele Illusionen, denn ein solches Demokratiemodell funktionierte nirgends auf der Welt. Das kommunistische Regime dagegen – unter dem ständigen brutalen Druck Moskaus – konnte kein vernünftiges Modell einer Koexistenz vorschlagen. Um sich und vielleicht auch das Land vor einer sowjetischen Intervention zu schützen, rief es im Dezember 1980 den Kriegszustand aus. Die führenden Vertreter der Solidarnosc wurden verhaftet, sie selbst wurde für illegal erklärt.

In den Untergrund abgedrängt, hielt die Solidarnosc sieben lange Jahre durch. Sie ließ sich weder brechen noch in den Extremismus einer fanatischen Sekte abdrängen, die vom Bedürfnis nach Rache zehrt. Damals erzählten wir uns immer wieder einen Witz, den wir wohl von unseren tschechischen Freunden in Prag gehört hatten. Was muss geschehen, damit die sowjetischen Truppen aus Polen abziehen? Es gibt zwei Möglichkeiten: eine rationale und eine wunderbare. Die rationale ist die, dass der heilige Georg, der Drachentöter, an die Weichsel kommt und die sowjetische Armee verjagt. Und das Wunder? Das Wunder wäre, wenn sie von selbst gingen.

Aus unserer Sicht war Gorbatschows Perestrojka ein wirkliches Wunder. Die Revolution der Solidarnosc war für das sowjetische System das, was für die katholische Kirche die Reformation war – die Infragestellung sämtlicher Dogmen der Institution, wenn auch nicht der Dogmen des Glaubens. In den sowjetischen Debatten tauchten Themen auf, die vom August 80 wohlbekannt waren: die Forderung nach der Wahrheit über die stalinistische Vergangenheit und über die wirtschaftliche Lage; die Forderung nach Redefreiheit und Pluralismus, nach Reformen und Rechtsstaatlichkeit. Zwei Streikwellen waren 1988 für die volkspolnischen Politiker die letzte Alarmglocke. Als Resultat von Gesprächen am Runden Tisch kam es zur Legalisierung der Solidarnosc und zu freien Wahlen im Juni 1989, bei denen die Solidarnosc triumphierte. Die Revolution war zu Ende – ohne eine einzige Barrikade, ohne einen einzigen Schuss, ohne ein einziges Opfer.

Der Historiker Jerzy Jedlicki schrieb später: "Heute, da jeder x-Beliebige sich erlaubt, auf den ›Runden Tisch‹ zu spucken, äußere ich gern meine Überzeugung, dass diese Vereinbarung ein Meisterwerk politischer Kunst und Ethik war und dass ihr Beispiel Osteuropa möglicherweise Ströme von heroisch vergossenem Blut erspart hat." Doch jene "Geiferer" sind heute Legion, der Erfolg des Runden Tisches wird häufig als ein Verrat an der Nation betrachtet. Die letzten 15 Jahre waren eine Zeit der demagogischen Versprechungen und Verratsvorwürfe, der Korruptionsskandale, des Klientelismus, der Verachtung für die Wahrheit und der Dreckschleuderei gegen die Verdientesten. Zugleich waren es die besten 15 Jahre in den letzten drei Jahrhunderten der polnischen Geschichte.

Denn wie sieht die Bilanz der polnischen Transformation aus? Die Arbeiter besitzen heute alle Rechte, auch wenn ihre Lebensumstände mitunter dramatisch schwierig sind und die Gepflogenheiten privater Unternehmenseigentümer nicht selten an die Epoche des Wolfskapitalismus erinnern. Alle Rechte haben auch die Bauern, aber ihre Stimmung beherrscht die Furcht vor ausländischer Konkurrenz und dem Strukturwandel des polnischen Dorfes. Auch den Intellektuellen und Künstlern sitzt kein ideologisches Gebot und keine Zensur mehr im Nacken, sie schreiben, was sie wollen. Aber ihre in der Epoche der Diktatur so wichtige und vernehmbare Stimme verhallt heute in der Kakofonie der Massenkultur. Obwohl also alle die Rechte erhalten haben, für die die Menschen des August 80 kämpften, ist niemand zufrieden mit dem freien Polen.

Jede weitere Welle der Unzufriedenheit illustrieren die Ergebnisse der folgenden Parlamentswahlen. Das belegt im Übrigen, dass das demokratische System regelgerecht funktioniert: Die Gesellschaft hat das Recht erhalten, die Regierung friedlich auszuwechseln, und sie nutzt es. Das Problem ist nur, dass nach jeder Auswechslung ein Wunder erwartet wird, die Zeit der Wunder aber mittlerweile vorbei ist. Die Frustration über die Arbeitslosigkeit und den Verlust der sozialen Sicherheit geht einher mit einer Frustration anderer Art: Der Gerechtigkeit wurde nicht Genüge getan.