Am Sonntagabend, um kurz nach zehn, beginnt die Stunde der Interpreten. Wenn der Kanzler und die Kandidatin ihre Schlusssätze formuliert haben und das Scheinwerferlicht im gesamtdeutschen Fernsehstudio von ARDRTLSAT.1ZDF erloschen ist, werden sich Heerscharen von Kommentatoren und Experten, Wahlforschern, Politologen, Prominenten und Journalisten über das TV-Duell beugen. Sie werden Haltungsnoten verteilen und die vorgetragenen Argumente wägen, Körpersprache und Ausdrucksweise der beiden Kontrahenten analysieren, feststellen, dass dieser ernster und jene schlagfertiger war als erwartet, und schließlich werden sie einen Strich unter das Ereignis ziehen. Und dann? Dann werden dieselben Experten und Kommentatoren die Oberflächlichkeit dieses Wahlkampfs beklagen. Sie werden die Stirn in Falten legen, weil es wieder einmal mehr um Personen als um Programme geht und die "Amerikanisierung" der deutschen Politik scheinbar unaufhaltsam voranschreitet.

Keine Frage: Das Aufeinandertreffen von Gerhard Schröder und Angela Merkel vor laufenden Fernsehkameras markiert einen, vielleicht sogar den Höhepunkt des laufenden Wahlkampfs. Ein Mal, ein einziges Mal werden der Amtsinhaber und seine Herausforderin einander leibhaftig gegenüberstehen. Und Millionen Menschen – Wähler – sehen zu. Nur, welchen Einfluss hat das Duell zur Prime Time auf die Entscheidung am 18.September? Stimmt die Vermutung, dass die Kandidaten eine immer größere, Parteien und Programme dagegen eine immer geringere Rolle für die Wähler spielen? Und wenn es so wäre, wäre es wirklich so schlimm?

Rückblende. Am 19. November 1972 feierte die SPD ihren bis heute größten Triumph. Mehr als 17 Millionen Menschen – das entsprach einem Stimmenanteil von 45,8 Prozent – waren der Aufforderung der SPD-Wahlstrategen gefolgt und hatten "Willy" gewählt. Albrecht Müller, heute 67, zeichnete damals als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in der SPD-Zentrale für den Wahlkampf Willy Brandts verantwortlich. Vor einigen Jahren, als die SPD begann, die Bundestagswahl 1998 zu planen, als Spin-Doktoren und Agenda-Setting in die deutsche Politik Einzug hielten, hat Müller ein Buch über die Kampagne von 1972 geschrieben (Willy wählen ’72. Siege kann man machen). Seine Botschaft, in zwei Sätzen zusammengefasst, lautet: Personalisierung hat es immer gegeben. Aber ihre Bedeutung wird von jeher überschätzt. Selbst 1972 sei Brandt nur ein Faktor neben anderen gewesen. Bis heute, sagt Müller, habe sich daran nichts geändert: "Die Personen, die zur Wahl stehen, sind bedeutsam, aber nicht entscheidend."

Die Analyse der Bundestagswahl 2002 spricht eine andere Sprache. Weil die wirtschaftspolitische Bilanz der rot-grünen Regierung schon damals nicht glänzte, hatte die SPD früh die Person Gerhard Schröders in den Mittelpunkt ihrer Kampagne gerückt. Der Kanzler war bei den Wählern beliebt, zumal im direkten Vergleich mit seinem Herausforderer Edmund Stoiber. "Er oder ich" war folgerichtig die Parole der SPD, die umso mehr verfing, je näher der Wahltag rückte. "Selten dürfte ein Wahlkampf so unmittelbar Einfluss auf den Wahlausgang gehabt haben wie bei dieser Wahl", schreibt Richard Hilmer, Chef des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap. Und selten hätten die Spitzenkandidaten dabei eine so wichtige Rolle gespielt wie Gerhard Schröder für die SPD und – mit Abstrichen – auch Joschka Fischer für die Grünen. Eine Umfrage von Infratest dimap für die ARD belegt das.

Auf die Frage, was den Ausschlag für ihre Wahlentscheidung gegeben habe, nannten 42 Prozent der SPD-Wähler den Spitzenkandidaten der Partei, das ist ein ungewöhnlich hoher Wert. Lösungsvorschläge für drängende Probleme und langfristige Parteibindungen rangierten deutlich dahinter. Selbst für die traditionell eher programmatisch orientierten Grünen-Anhänger spielte die Person Joschka Fischer eine wichtige Rolle: Immerhin mehr als jeder vierte Wähler der Grünen gab an, der Spitzenkandidat sei ausschlaggebend für die Entscheidung gewesen. Mit dem Blick auf das politische Stimmungsbild im Sommer 2002, das Rot-Grün lange Zeit als Verlierer der Wahl sah, schreibt Hilmer: Die Zuspitzung auf die Kanzlerfrage habe "eine zwar späte, letztlich aber doch entscheidende Wirkung" gezeigt. "Candidates matter!" lautet auch das Fazit der beiden Kölner Wahlforscher Ulrich Rosar und Dieter Ohr, die sich auf eine vergleichbare Forsa-Umfrage stützen.

Auf die Kandidaten kommt es an? Eine Wahl macht noch keinen Trend, und die aktuellen Umfragen stellen für den 18. September ein anderes Ergebnis in Aussicht. Schröder liegt zwar im persönlichen Vergleich auch diesmal wieder vorn, doch der Vorsprung von CDU und CSU scheint uneinholbar. Tatsächlich fällt es den Wahlforschern bislang schwer, einen langfristigen Trend zu beschreiben. Die Bindungen der Wähler an eine bestimmte Partei haben dramatisch nachgelassen, so viel steht fest. Die Vermutung liegt nahe, dass die kurzfristigen Motive – etwa die Orientierung an den Spitzenkandidaten – an Bedeutung gewinnen. Doch die empirischen Daten, auf die die Forscher bislang zurückgreifen können, sind dünn.