Aber Merkel? Die kann sie natürlich nicht gut finden. Sie schüttelt den Kopf: "Ihre Politik war nie frauen- oder familienfreundlich, obwohl sie als Ministerin jahrelang genau dafür zuständig war. Ihre Politik von damals ist mit Schuld an den fehlenden Kindern heute. Frau Merkel verkörpert mit ihrer Biografie nicht die Erfahrungen der meisten Frauen. Die beschäftigt, wie sie Familie und Job unter einen Hut bekommen, ob sie nach der Geburt für mehrere Jahre aussteigen wollen oder wie sie ihre Kinder am besten erziehen. Das ist nicht Merkels Welt. Außerdem ist in der Union trotz Merkel nicht viel für die Frauen passiert. Da braucht man nur auf den CDU-Frauenanteil in den Länderparlamenten zu schauen."

Eine Erfahrung immerhin hat sie mit Angela Merkel gemeinsam: Für Frauen in der Öffentlichkeit gibt es bei den Konflikten um Kinder, Küche, Karriere immer noch keinen Weg, der alle zufrieden stellt. Aber wenn man sich davon nicht irritieren lässt, gewöhnen sich die Deutschen ziemlich schnell. Sie gewöhnen sich auch daran, glaubt Schröder-Köpf, dass die Ehefrau des Kanzlers sich zu Erziehungsfragen oder zum Sexualstrafrecht öffentlich äußert.

Jetzt im Wahlkampf würde sie nie etwas zur Gesundheitsreform oder zur Zukunft der Rente sagen. Aber sie sieht die Entscheidung nicht nur aus der Perspektive ihres Mannes und oder mit dem Blick einer ehemaligen Journalistin. Doris Schröder-Köpf hat nämlich ein außergewöhnlich emotionales Verhältnis zur SPD. Sie mag Parteitage. Sie freut sich, wenn Franz Müntefering ihr auf Parteiveranstaltungen für ihren Einsatz dankt. Es war ihre Idee, die kleine Tochter an Münteferings Geburtstag am Telefon ein Ständchen vortragen zu lassen. All das ist ungewöhnlich für eine frühere Politikjournalistin ihres Alters, aber sie scheint es wirklich so zu empfinden. So wie sie redet über die SPD keiner in der Szene. Ihr Mann hat seine Partei vor einiger Zeit einmal mit einem Schafstall verglichen: "Von draußen riecht’s ein bisschen, aber drinnen ist es schön warm."

Was also heißt es für Doris Schröder-Köpf, Sozialdemokratin zu sein? "Immer wissen, wer am Ende die Arbeit macht", sagt sie. "Sozialdemokraten, das sind die Leute, die hart arbeiten, ihre Kinder ordentlich erziehen wollen, die Butterbrote schmieren und Hausaufgaben betreuen. Das sind die Leute, denen es nicht egal ist, wie es anderen geht." Sie hat geweint, als Schröder den SPD-Vorsitz niederlegte, die Bilder waren in fast allen Zeitungen zu sehen. Ihre Tränen galten damals nicht nur dem Kanzler, sondern auch der SPD. Sie sagt: "Beim Rücktritt von Willy Brandt hab ich damals auch geweint."

Trotzdem gibt es momentan ein Thema, das Doris Schröder-Köpf von den meisten normalen SPD-Mitgliedern trennt: Sie war für die Neuwahlen, hat ihrem Mann dazu geraten. "Ich fand die Entscheidung immer richtig", sagt sie. "Es gab keine andere Lösung." Sie hatte die schwächelnde niedersächsische SPD vor Augen und glaubte, dass die Partei ein Weiter-so nicht überstehen würde.

Trotzdem ist die Vorstellung abwegig, der Kanzler habe eine Entscheidung von dieser Tragweite allein wegen seiner Frau gefällt. Genauso abwegig wie die Geschichte, man habe bei einem hannoverischen Abendessen mit Franz Müntefering in Anwesenheit der Töchter über das Thema diskutiert. Über Vertrauliches wird vor den Mädchen nicht gesprochen, schon damit ein Schlagwort wie "Neuwahl" nicht plötzlich in einer hannoverischen Kita verbreitet wird. Die beiden Männer an der SPD-Spitze haben ihre Entscheidung an einem Abend in Hannover im Vier-Augen-Gespräch gefällt, und als Doris Schröder-Köpf sich zu ihnen setzte, stand das Ergebnis fest.