Was könnten die Europäer heute von Amerika lernen? Wenig, lautete darauf eine hochmütige, gängige europäische Antwort. Es geht nicht darum, Amerika zum Modell zu erklären. Aber dennoch, was Europa derzeit für viele Migranten aus aller Welt ist, war einst Amerika: Zuflucht und Hafen vor allem für Europäer, denen die Welt zu eng wurde, die Illiberalität gegenüber den Religionen zu erdrückend, der Überlebenskampf zu strapaziös. Amerika schuf von vornherein und endgültig, als es sich von seinem britischen und französischen Vormund befreit hatte, etwas ganz Neues: eine Einheit, die Vielheit erlaubte, eine Verfassung, die den pursuit of happiness versprach mit einer gemeinsamen Sprache. "Nation der Nationen" wurde Amerika nur in heftigsten Konflikten, das ist nicht zu vergessen, und mit Recht warnen Kenner der amerikanischen Immigrationsgeschichte vor der Illusion, die Integration sei jemals abgeschlossen oder rundum geglückt. Dennoch: Amerika hatte am Ende ein Dach gefunden für das Viele und Heterogene, unter dem Strich war unbestreitbar eine gewaltige, beneidenswerte Erfolgsgeschichte daraus geworden.

Daran gemessen, hat Europa sich auf seine Vielheit und seine kulturellen Differenzen bis heute kaum offensiv eingelassen. Andererseits, 1989 kamen Ost- und Westeuropa zusammen, das kulturelle, historische, ethnische Panorama wurde damit mindestens so breit wie das in den USA. Damit war definitiv klar, dass es nicht bei einem weithin kulturell homogenen, engen Westeuropa bleiben würde. Die Europäer ließen sich auf eine ungleich größere Bandbreite an Erfahrungen, Vergangenheiten, Sprachen ein. Die Ungleichzeitigkeiten, schon im alten Westen nicht klein, würden ins Dramatische wachsen. Und am Rande, in Albanien, Bosnien, Montenegro, aber auch in Rumänien oder Bulgarien, ragte es bereits in die nicht-christliche islamische Welt, in den Orient hinein.

Erst mit der Türkei würden sich die Europäer vollends verabschieden von dieser Leitkultur, das stand so weit immer fest. Aber es war nicht weiter nötig, sich dazu konkret zu verhalten, die Türkei galt als Zukunftsmusik. Irgendwann, vielleicht. Wenn Europa allerdings diesen Schritt auch noch wagen würde, hätte es sich endgültig zur religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Pluralität bekannt. Wenn die Osterweiterung der Auftakt zur Politisierung Europas war, so würde der Beitritt der Türkei das multiethnische Europa besiegeln. Man interpretiert das dramatische Nein zur Verfassung in Frankreich und Holland sicher nicht falsch, wenn man sagt, dass es für diese Idee in den klassischen westeuropäischen Ländern eine Mehrheit nicht gibt.

Ob die Türkei zu Europa gehört, ist eine Sache der Türkei – so wie es eine politische Entscheidung des Clubs Europa ist, wem er den Status gewährt, welchen türkischen Nationalismus er im Zweifel einem Beitritt vorziehen würde und wie er sich ein Arrangement mit den Nachbarn denkt, die ja weiterhin Nachbarn bleiben. Wenn die Integration der Türkei weiterverfolgt würde und gelänge, wäre Europa über seinen eigenen Schatten gesprungen. Europa hätte sich dazu allerdings bewusst politisch zu entscheiden, die Geografie zieht keine Grenzen. Es wäre die Entscheidung nicht für ein anderes Europa, sondern für ein anderes Selbstverständnis Europas, was ein großer Unterschied ist.

Die alten EU-Mitglieder müssten zugunsten eines jungen muslimischen Landes mit vielen Kindern votieren, das zum Zeitpunkt des Beitritts mit mehr als 80 Millionen Menschen größer wäre als alle europäischen Länder. Für Skeptiker mag das ein psychologisches Problem sein, ein Argument gegen eine Politik, die auf ein anderes Selbstverständnis abzielt, ist es nicht.

Ob das Europa der 25 es so will oder nicht – entscheidet sich die EU verspätet zur Grenzziehung, würde das auch verstanden als der Ausbau des alten, erweiterten Europas zur christlichen Festung. Die Alternative liefe auf einen melting pot ähnlich wie in Amerika hinaus. Die USA als Modell? Ohne Idealisierung lässt sich sagen: Ja, was die Fähigkeit angeht, Parallelgesellschaften und unterschiedlichste Ethnien allmählich so weit einzuschmelzen, dass sie sich wechselseitig anerkennen und auf gleiche Rechte berufen können. Die USA hatten es leichter, weil alle verband, dass sie dort neu anstrandeten, während Europa überlegen muss, ob es eine islamische Gesellschaft in toto schluckt. Kurzum, Amerika hat sich das, was es ist, mit der Kraft einer liberalen Gesellschaft leidenschaftlich erstritten. Im Kern aber, scheint mir, läuft das immer noch auf eine Formel hinaus, die umstritten bleibt, auch dehnbar und vage klingt, aber dennoch erfolgreich und irreversibel wirkte: Amerika ermöglichte Assimilation.

Diese Assimilation, die mehr meint als Anpassung, brauchte Zeit und Generationen, aber sie funktionierte. Der Papst der amerikanischen Immigrationsforscher unter den Sozialwissenschaftlern, Richard Alba, hat mit überzeugenden Zahlen und Fakten Assimilation als das alte und neue Grundprinzip beschrieben. Deutschlands merkwürdiges Selbstverständnis sezierte sehr genau und schnörkellos Werner Sollors. Unter dem Titel Good bye, Germany! riet der Harvard-Professor den Deutschen, von einer Fiktion Abschied zu nehmen, der Fiktion eines ethnisch homogenen Landes.