Hören wir diesmal eine interessante Stimme aus dem Ausland. Ich hatte ein Date mit einer amerikanischen Professorin. Sie schreibt über The German Wahlkampf. Sie war völlig entsetzt über die deutschen Politiker im Fernsehen, die würden auswendig gelernte, pointenfreie Texte runterleiern, nie lächeln und wüssten nie, wo die Kamera steht, in ihren Augen seien das Autisten. Mit dieser Performance könnte man in den USA nicht mal Stadtkämmerer von Tucson werden. Ich sagte: "Be more constructive, please." Da meinte sie, Deutschland sei ein hoffnungsloser Fall, nur in puncto Sex seien die Deutschen nach ihrer Beobachtung ein auffällig munteres Völkchen und müssten vor keiner Pisa-Studie Angst haben. Wenn ich deutsche Kanzlerin wäre, sagte sie, würde ich die Sexsteuer einführen. Da gäbe es keinen Steuerbetrug mehr, weil kein Deutscher sich trauen würde, auf dem Finanzamt zu der Sachbearbeiterin zu sagen: "Einmal alle drei Jahre." Die Supermachos dagegen, die im Kegelklub rumröhren "jede Nacht dreimal!", müssten zahlen ohne Ende.

Es ist gleichzeitig die Sondersteuer auf Machotum. So sieht uns das Ausland.

Ich schreibe zurzeit jede Woche einen Appell, in dem ich zur Wahl einer bestimmten Partei aufrufe, jede Woche eine andere. Der Aufruf ist nicht ironisch geschrieben, sondern mit Leidenschaft. Ich dachte, dass ich auf diese Weise jede Facette meines politischen Wesens mal ausleben kann. Nach meiner Theorie hat jeder Mensch eine SPD-Seite, eine CDU-Seite, eine grüne Seite und so weiter, weil zum Beispiel jeder irgendwie ein Herz für die Schwachen hat, jeder gegen das Aussterben von Tierarten ist, und jeder ist konservativ, wenn sie im Supermarkt umgeräumt haben und man findet nichts mehr.

Kann sein, dass ich Politics nicht ernst genug nehme. Aber ich kenne zu viele Leute, die früher harte Linke waren und jetzt auf die exakt gleich harte Weise Neoliberale sind oder Neocons, wobei man übrigens aufpassen muss, wenn man einem Franzosen so jemanden vorstellt. Wenn man sagt "il était gauchiste, mais aujourd’hui il est con" hat das einen abwertenden Beigeschmack. Diese Leute jedenfalls, die früher jeden in die Tonne treten wollten, der nicht links genug war und heute jeden in die Tonne treten, der kein Con ist, müssten aufgrund ihrer biografischen Erfahrung wissen, dass sie selber in 20 Jahren womöglich wieder was anderes sind, und müssten es diesmal etwas verspielter angehen.

Ehrlich, ich wollte mich da nicht reinsteigern. Aber als ich den Grünentext geschrieben habe, war ich dermaßen in ökomaner Raserei, dass ich jedem an die Gurgel gesprungen wäre, der gesagt hätte: "Die CDU ist einfach bei weitem die geilste Partei." Als ich den FDP-Text geschrieben habe, war ich am Ende so weit, dass ich am liebsten meine eigenen Fußnägel dereguliert hätte, damit die dann gegeneinander auf dem freien Markt konkurrieren. Am nächsten Morgen rief ein Herr von der FDP Brandenburg an und sagte, so feurig hätte ihnen noch keiner den FDP-Spirit rübergebracht, sie wollten den Text als Flugblatt verwenden. Ich sagte: "Um Himmels Willen, ich bin doch gar nicht FDP." Da war er verwirrt.