Es gibt Länder, die Öl haben. Und andere, die es brauchen. Die USA gehören zur zweiten Gruppe – und dieses Problem trieb die Regierung in Washington bereits um, bevor der Hurrikan Katrina amerikanische Bohrtürme, Raffinerien und Ölterminals zerstörte. Preisschocks und Manipulationen durch das Opec-Kartell hätten die am Tropf ausländischer Öllieferanten hängende US-Wirtschaft in den achtziger und neunziger Jahren die unvorstellbare Summe von sieben Billionen Dollar gekostet, behauptet das US-Energieministerium – "fast so viel wie unsere Verteidigungsausgaben in derselben Zeitspanne".

Keine Gemeinheit eines Ölscheichs, sondern eine Laune der Natur traf Anfang vergangener Woche die größte Volkswirtschaft der Erde. Sie traf auch das Herz der US-Ölindustrie, den Golf von Mexiko, wo die Amerikaner ein Viertel ihres heimischen Öls fördern, wo sie mehr als die Hälfte des importierten Öls anlanden und wo sie fast 50 Prozent ihres gesamten Ölbedarfs zu Benzin verarbeiten. Katrina ließ die Preise explodieren – und weckte eine zivilisatorische Urangst: Sitzen nicht nur die Amerikaner, sondern bald alle Ölverbraucher auf dem Trockenen? Auch wir?

Tatsächlich lässt den Rest der Welt nicht kalt, was sich in puncto Öl jenseits des Atlantiks tut. Ein Viertel des weltweiten Verbrauchs geht auf das Konto der USA – die ihren Öldurst aber nur zu zwei Fünfteln mit eigener Förderung stillen. An den weltweiten Ölreserven haben die Vereinigten Staaten sogar nur einen bescheidenen Anteil von 2,5 Prozent; rechnerisch sind ihre Vorräte in 11 Jahren erschöpft. Die USA sind der mit Abstand größte Importeur von Rohöl – und zunehmend abhängig von Staaten, die entweder politisch instabil sind, undemokratisch oder Amerika-feindlich gesinnt.

Damit nicht genug. Den USA mangelt es nicht nur an Öl, sondern auch an Benzin. Die letzte Raffinerie ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor 30 Jahren errichtet worden; seitdem ist jedes Neubauvorhaben gescheitert, oft am Widerstand der jeweils örtlichen Bevölkerung. "Nimby"not in my backyard – hieß deren Schlachtruf. Nun meldet der Dachverband der amerikanischen Petroleumindustrie (NPRA), dass die Kapazitäten zur Rohöl-Verarbeitung seit einem Vierteljahrhundert sinken, während der Benzindurst steigt.

Den fehlenden Stoff für die Autos ihrer Kundschaft kaufen die amerikanischen Tankstellenbetreiber im Ausland ein. Auch in Europa: Niederländer, Belgier und Deutsche liefern das raffinierte Produkt. Das hat die Kraftstoffpreise hierzulande schon in der Vergangenheit in die Höhe getrieben. Sollten einige der vom Hurrikan in Mitleidenschaft gezogenen US-Raffinerien für längere Zeit ausfallen, wird die Nachfrage von jenseits des Atlantiks dauerhaft steigen – und "Benzinwut" die hiesigen Autofahrer noch lange umtreiben. Selbst der Chef der Internationalen Energie-Agentur (IEA), Claude Mandil, hält eine "weltweite Energiekrise" mittlerweile nicht mehr für ausgeschlossen. Um das Schlimmste zu verhindern, wollen die 26 IEA-Mitgliedsstaaten nun 30 Tage lang jeweils zwei Millionen Fass Öl aus ihrer strategischen Reserve in den Markt schleusen.

Es ist ein kleines Pflaster auf der größten Wunde der Weltwirtschaft, mehr nicht. Denn nach Meinung einer wachsenden Schar von Kennern des globalen Ölmarktes könnte die vom Hurrikan ausgelöste Krise der Vorbote eines regelrechten "Energie-Tsunamis" sein. Matthew Simmons, Chef einer im Ölgeschäft tätigen Investmentbank in Houston, warnte bereits davor, noch ehe die Naturkatastrophe die amerikanische Südküste traf. 200 bis 250 Dollar pro Fass hält er für einen realistischen Ölpreis – schon "in den kommenden Jahren".

Die Horrorzahlen basieren auf der Annahme, die weltweite Ölförderung stoße schon bald an ihre Grenzen. Gegenwärtig pumpen private und staatliche Ölkonzerne täglich gut 84 Millionen Fass Rohöl aus dem Boden oder aus dem Meeresgrund. Das ist so viel wie nie zuvor – und reicht momentan, um die Nachfrage zu decken. Sämtlichen Prognosen zufolge wächst das Verlangen nach Öl aber noch gewaltig; um beinahe 50 Prozent, auf 121 Millionen Fass, wird die weltweite Ölnachfrage nach Schätzung der IEA im Jahr 2030 steigen. So viel Öl, glauben die Kritiker des ungetrübten Wachstumsdenkens, gebe die Erde niemals her.