In der 9a verteilt Herr Orgass einen Fragebogen. Was ist Inflation? Wer schrieb Faust? Welches Meer liegt zwischen Europa und Afrika? "So sieht ein Eignungstest aus", sagt Herr Orgass, "bei großen Betrieben ist das üblich." Das Klassenzimmer an der Schule Bunatwiete in Hamburg ist aufgeräumt, durch die gelben Gardinen scheint die Sonne. Jan und Arthur kritzeln Antworten auf den Bogen, die anderen Schüler machen Lärm. Herr Orgass unterrichtet Arbeitslehre und fragt: "Was gehört zu einem Lebenslauf?" – "So ein Foto", antwortet Jan. Und was geschieht nach der Bewerbung? "Kriegst ’ne Absage", ruft Umut.

Die Bunatwiete ist eine Hauptschule und als solche bildungs- und arbeitsmarktpolitisches Krisengebiet. Bundesweit finden etwa 60 Prozent der Hauptschüler keinen betrieblichen Ausbildungsplatz, in Hamburg liegt der Prozentsatz sogar noch höher. "Die Erfolge sind meistens sehr dünn gesät", sagt Heiner Orgass. Doch seine letzte Klasse sei eine wohltuende Ausnahme gewesen, etwa die Hälfte habe einen Ausbildungsplatz gefunden – "ein echter Erfolg".

Grund dafür, sagt Orgass, sei das Hauptschulprojekt der Arbeitsstiftung Hamburg. Zusammen mit den Schulen, der Bundesagentur für Arbeit und 67 Partnerfirmen unterstützt die Stiftung die Schüler auf dem Weg in die Berufsausbildung. "Den meisten mangelt es an Selbstwertgefühl, und sie sind ungenügend aufs Berufsleben vorbereitet, doch es gibt eine Menge Rohdiamanten", sagt Michael Goedeke, ein ausgebildeter Lehrer. Er leitet das Projekt zusammen mit Gerd Knop, einem Personalmanager des Versandhauses Otto.

Jeder bekommt eine Chance. Die Arbeitsstiftung nimmt alle Hauptschüler, die das wünschen, in eine Datenbank auf, stellt ihnen einen Betreuer zur Seite und vermittelt eine Firma, die zum Beratungsgespräch lädt. Für die Bunatwiete ist die Phoenix AG zuständig. Thomas Micketeit, der Ausbildungsleiter, erzählt: "Wenn ich den Schülern mit Schlips gegenübersitze, fühlen sie sich schon mal ernst genommen." Er spricht mit den Schülern über ihre Stärken, ihre Schwächen und die oft "mangelhaften Sozialkompetenzen".

Der Anteil der Hamburger Hauptschüler, die einen Ausbildungsplatz in einem Betrieb ohne staatliche Förderung finden, hat sich seit Beginn des Projekts im Jahr 2000 mehr als verdoppelt: von weniger als zehn auf etwa 20 Prozent. In diesem Jahr betreut die Stiftung etwa 1000 Schüler. Für jeden wendet sie circa 730 Euro auf, die Kosten teilen sich die Stadt Hamburg, die Bundesagentur für Arbeit und der Europäische Sozialfonds. Mittlerweile hat die Arbeitsstiftung in mehreren anderen Städten, etwa in Berlin, Nachahmerinnen gefunden und ist für den diesjährigen Carl-Bertelsmann-Preis nominiert, der diese Woche verliehen wird.

Das Hamburger Hauptschulprojekt entstand als Beitrag zur bundesweiten Initiative für Beschäftigung. Ins Leben gerufen haben es der ehemalige Hapag-Lloyd-Chef Bernd Wrede und der Unternehmer Michael Otto. Vor fünf Jahren beauftragten sie Gerd Knop, Vorschläge zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit zu erarbeiten. Dabei fiel Knop auf, dass sich allein in Hamburg mehrere Dutzend Institutionen um die Belange der Hauptschüler kümmerten – ohne großen Erfolg. "Wir haben in Deutschland eine riesige, aber oft wirkungslose Förderindustrie", sagt er. Die Schüler würden in Weiterbildungsmaßnahmen gesteckt, statt dass sich jemand darum bemüht, sie praktisch aufs Berufsleben vorzubereiten. "Die weiterführenden Schulen sind häufig regelrechte Parkplätze", sagt auch Heiner Orgass. "Als Lehrer kämpfe ich gegen das Vorurteil vieler Eltern, Schule sei besser als Berufsausbildung – für viele Jugendliche ist das Gegenteil der Fall."

Einer der Rohdiamanten aus den Hamburger Hauptschulen ist Fatosch Cevik. Früher bestand ihr Leben aus "McDonald’s, HipHop-Klamotten und einer Gangsta-Gang". Die Schule sei ihr egal gewesen, über die Zukunft habe sie sich keine Gedanken gemacht. "Dann hat mir die Arbeitsstiftung die Augen geöffnet", erzählt sie und strahlt. Erstmals habe sich jemand außerhalb der Familie um sie gekümmert, mit ihr immer über Schulprobleme und Berufschancen gesprochen. Ihr Betreuer habe sie regelmäßig angerufen, um sich nach ihr zu erkundigen und ihr Mut zuzusprechen. Das beeindruckte Fatosch. Sie lernte, einen Lebenslauf zu schreiben, in den Gelben Seiten nach Unternehmen zu suchen, freundlich anzurufen, die richtigen Fragen zu stellen, vor einem Vorstellungsgespräch den Kaugummi rauszunehmen und das Handy auszuschalten – und auch bei Absagen höflich zu bleiben.