Hin und wieder gibt es im Pop einen Shooting-Star, Sufjan Stevens ist so einer, dabei weder Star noch shooting. Denn nach allem, was man über den 30-jährigen Sänger und Gitarristen erfahren kann, ist er ein in sich gekehrter, spiritueller Mensch mit einem gehörigen – wenn schon – Schuss Humor. Amerikas Feuilletons überschlagen sich: Hier kommt ein Mister No Name mit einer unverwechselbaren Ästhetik. Ein Mann, der eingängige Melodien komponiert und Liedzeilen findet, die bei aller Lieblichkeit keine Härte scheuen. Seine Stimme mag an den jungen Paul Simon erinnern, die Struktur seiner orchestralen Songs an Art Rock à la Gentle Giant – Banjo, Klavier, Geige, Akkordeon, Vibrafon, Blockflöte, Triangel, verschiedenste Rhythmen, mal geflüstert still, mal mit Pauken und Trompeten, von Mädchenchören umflort. Aber Stevens hat sich eine Aufgabe gestellt, die alles Bekannte weit hinter sich lässt: Er will die Vereinigten Staaten singend durchdringen, Bundesstaat für Bundesstaat. 50 Alben will er ihnen widmen, jedem Stern im Banner einen.

Die erste Platte der Serie von 2003 ist ein Gruß aus seiner Heimat: Greetings from Michigan. Das Cover schmücken Vogel und Fisch, Reh und Biber und eine Landkarte mit Flecken wie jenem General-Motors-Ort Flint, der durch die Filme Michael Moores zu bedrückender Berühmtheit gelangte. Die zweite Platte heißt Come On Feel The Illinoise (Rough Trade 5050159825028) in völlig unnachvollziehbarer Anspielung auf einen 30 Jahre alten Hit der britischen Prollrock-Band Slade. Auf dem Cover: Wolkenkratzer, Ufos, Polizeiwagen, Schmetterlinge, Al Capone und Abraham Lincoln, Indianer. Die künstlerische Selbstverklärung Amerikas, so schön Americana genannt, verkehrt sich bei Stevens in eine melancholisch-subtile Landesseelenkunde, in der die Ingredienzen des großen Traums unheimlich heimelig Revue passieren. Ein subversives Werk, das alles zusammenrührt, bis es anrührt und aufrührt: Superman und Massenmörder, rechtschaffene Bürger und eine Liebste, die vom Krebs zerfressen wird, während der Herr im Himmel tatenlos bleibt.

Mit seiner offensiven Religiosität trifft Stevens einen wunden Punkt seiner Landsleute: ein Christ, der Glauben als Machtinstrument strikt ablehnt. George Bush und Sufjan Stevens – unterschiedlicher kann Amerika nicht sein.