Um die Wanzengerechtigkeit stand es schon einmal besser in Deutschland. Die Statistik belegt unabweisbar: Namentlich die Kinder schlechter verdienender Eltern müssen heute fast ohne Wanzen aufwachsen. Man darf sich deshalb nicht wundern, wenn ihnen die Werbung jeden Floh ins Ohr setzen kann. Das war zu Beginn des vorigen Jahrhunderts noch ganz anders. Damals unterlagen gerade die Oberschichten rigiden Standesregeln, die ihnen alle Wanzen nahmen, die für ein selbstbestimmtes Leben unerlässlich sind. Im Bürgertum litten zumal Frauen unter einem eklatanten Mangel an Wanzen, selbst ihre Heiratswanzen schwanden mit steigendem Lebensalter rapide. Arbeiterfrauen erfreuten sich dagegen ständig wechselnder Partnerwanzen, und bald machte sich die Sozialdemokratie daran, auch ihren Kindern eine wachsende Zahl von Lebenswanzen zu spenden. Es kamen die Bildungswanzen, die Aufstiegswanzen, die Wanzen im Alter wuchsen, selbst die politischen Wanzen eroberten das Arbeitermilieu. Die Nazis taten ein Übriges, um Urlaubswanzen für alle zu schaffen. Und heute? Heute ist den Unterschichten, nachdem sie schon von allen Arbeitswanzen ausgeschlossen wurden, nur die Kriminalitätswanze geblieben. Man kann das als Sieg der Hygiene feiern, muss aber doch einsehen, dass es auf dem Weltmarkt überhaupt nicht mehr gut um deutsches Ungeziefer steht. Die bürgerlichen Parteien versprechen zwar wieder Wanzen für die Zukunft, aber ob die Nachzucht gelingt, scheint fraglich. Unsere westliche Lebensweise, die weltweit den Ärmsten der Armen alle Wanzen entzieht, um sie auf der Nordhalbkugel zu sammeln, wird sich selbst zum Verhängnis. Lebenswanzen sind unteilbar, wenn man es doch versucht, sind sie kaputt. Um das zu testen, reicht ein Daumennagel. Das dabei austretende Blut lehrt unmissverständlich: Es handelt sich um räuberisch lebende Wesen, denen ein allzu fürsorglicher Staat sofort jede Ernährungsgrundlage entzieht. Anders ausgedrückt: Ohne Risiko keine Wanze. Deshalb gedeihen die besonders gesuchten Glückswanzen heute nur noch in der Lotterie, aber aufgepasst! Auch hier kassiert der Staat mit. Er ist der Einzige, der über die Zeiten hinweg niemals auf seine Wanzen verzichtet hat. Stattdessen hat er dem betrogenen Bürger immer neue Läuse in den Pelz gesetzt, während er gleichzeitig höhnisch erklärt: Du hast keine Wanze, also nutze sie! Finis