Mit Anträgen von Medienunter- nehmen ist das Bundeskartellamt gut eingedeckt: Zusammenschlüsse, feindliche oder freundliche Übernahmen – oft genug haben die Wettbewerbshüter in Bonn mitzuentscheiden. In einigen Wochen wird ihnen nun ein Projekt angekündigt, das es im deutschen Zeitungsmarkt so noch nie gegeben hat. Es geht um eine Gratiszeitung von deutschen Verlegern.

Jahrelang hat sich die Branche vor Gratiszeitungen mit großen Auflagen gefürchtet, obwohl es sie in fast allen Industriestaaten gibt. Das schwedische Blatt Metro erscheint als Branchenprimus mit 57 Ausgaben in 18 Ländern. Der norwegische Schibsted-Konzern hat mit seiner Gratiszeitung 20 Minuten die Märkte in Frankreich, Spanien und der Schweiz aufgemischt. Fast täglich kommt irgendwo ein neues Blatt heraus, und der Markt beginnt sich schon zu segmentieren: In London wurde die erste Gratiswirtschaftszeitung angekündigt, die wie alle anderen Blätter ihrer Art umsonst an Straßenecken und in U-Bahnen verteilt werden soll.

Nur Deutschland bildet eine Ausnahme. Hier versuchte der norwegische Verlag Metro von 1999 bis 2001 im Kölner Raum seine gleichnamige Gratiszeitung zu etablieren, doch er wurde mit allen Mitteln vertrieben. Die Platzhirsche DuMont Schauberg (Kölner Express) und Springer (Bild Köln) verstopften mit eigenen Gratisblättern den Markt, um sie kurze Zeit später wieder einzustellen. Die hiesigen Verleger sahen ihr Geschäftsmodell bedroht, das darauf beruht, für eine Zeitung vom Leser einen Preis zu verlangen. Damit decken sie seit Urzeiten etwa die Hälfte der Kosten.

Doch nun sieht es danach aus, als ob sich die Gratiszeitungen bald in großer Auflage über Deutschland verbreiten. Und dieses Mal sind die deutschen Verleger fast alle dabei. Der norwegische Verlag Schibsted will in mehreren Städten zugleich angreifen und verhandelt seit längerem mit hiesigen Konzernen. Gespräche mit der Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe, zu der auch die ZEIT gehört, waren weit fortgeschritten, sind aber wegen der schlechten Ertragsaussichten ins Stocken geraten. Nicht als Herausgeber, wohl aber als Kooperationspartner stünde der TV-Sender RTL bereit. Womöglich auch für eine gemeinsame Werbevermarktung mit 20 Minuten ? "Wir halten uns alle Optionen offen", sagt der Chef der RTL Group, Gerhard Zeiler.

Auf die Frage, ob es zutreffend sei, dass der Schibsted-Konzern beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag schon Druckkapazitäten reserviert habe, antwortet der SHZ-Geschäftsführer Ernst-Friedrich Lübcke: "Wir sind mit diesem Verlag im Gespräch. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen." Wie es heißt, wollen die Norweger spätestens bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006 mit 20 Minuten in Deutschland präsent sein. Andere Quellen rechnen mit einem Start schon in wenigen Wochen.

Der Springer-Verlag plant für diesen Fall ein neuerliches Abwehrprojekt, weil die Bild- Zeitung unter einem Gratisblatt sehr wahrscheinlich zu leiden hätte. Also lässt die Bild- Chefredaktion einen eigenen Gratistitel entwickeln. Christian Nienhaus, Geschäftsführer der Bild- Gruppe, will ihn, wenn nötig, "in acht bis 15 Städten an den Start" bringen und droht potenziellen Wettbewerbern mit Anzeigentiefstpreisen. In der Werbeindustrie hat er bereits Termine gemacht, um ein Anzeigenpaket von Bild und einer eigenen Gratiszeitung vorzustellen. Auch er glaubt offenbar, dass es bald losgeht.

Gegen die beiden Großversuche wappnen sich auch mehrere Regionalzeitungsverleger. Und deshalb bereiten sie jene ungewöhnliche Anfrage beim Bundeskartellamt vor, die in einigen Wochen eingehen soll. Angeführt von dem Kölner Verleger Konstantin Neven DuMont, wollen acht bis zwölf Verleger wissen, ob die Kartellwächter Bedenken gegen ein Projekt haben, bei dem die Unternehmen zwar zusammenarbeiten, sich aber nicht gesellschaftsrechtlich verbandeln.