Das Mädchen entfernt sich von seiner Baracke und macht sich auf einen gefährlichen Weg. Unterwegs entsetzliche Szenen. Sie geht weiter. Dann nähert sie sich dem Kontrollpunkt der SS. Sie fragen: "Wohin gehst du?" Sie sagt: "Ich bin vom Kinderhaus und möchte zu Herrn Fritz im Proviantlager." Das Mädchen, "Nummer 10564", darf passieren. Und sie findet den Herrn Fritz: "Guten Morgen, Herr Scharführer. Könnten Sie mir bitte eine Salami für das Kinderhaus geben?" Mutig ist sie und gut vorbereitet: Sie hat die Taschen ihrer weiten Hosen aufgetrennt und sie mit den Socken ihres Vaters verlängert. Niemand wird bemerken, welch unermesslichen Schatz sie in die Baracke der Kinder trägt. Jedes der Kinder bekommt eine Scheibe, nur Max und Jackie, ihren Brüdern, gibt sie ein etwas größeres Stück.

Hetty Verolme, geboren 1930 in Belgien, lebt heute in Australien. Ihre Erinnerungen an das KZ Bergen-Belsen hat sie bereits in den fünfziger Jahren aufgeschrieben, 2000 erschien ihr Buch in Australien, jetzt ist es in deutscher Übersetzung erschienen. Ein Sog der bloßen Schilderung geht von ihrem Bericht aus. Das Innenleben, der Alltag dieses Lagers wird erfahrbar aus der Sicht eines Mädchens von 14, 15 Jahren, genau im Blick auf die Hierarchien des Terrors, immer wieder exakt erinnert.

1943 wurde Hetty Werkendam zusammen mit ihren zwei Brüdern und ihren Eltern bei einer Razzia in Amsterdam verhaftet. Die Familie kommt ins Durchgangslager Westerbork, dann nach Belsen. Im Dezember 1944 wird zuerst der Vater, am Tag darauf die Mutter in andere Lager abtransportiert. Die Kinder sind allein, verzweifelt klammern sich die Brüder an die ältere Schwester. Mit ihnen stehen etwa vierzig andere Kinder da. Nach einer langen Irrfahrt werden sie in eine neue Baracke gebracht.

Hetty Verolmes Buch ist auch eine Hommage an eine Frau, die mit aller Kraft um das Überleben dieser Kinder kämpft. Luba Frederick, eine polnische Jüdin, der man in Auschwitz ihren dreijährigen Sohn entrissen und den Mann ermordet hatte, war mit den Transporten 1944 nach Bergen-Belsen gebracht worden. Sie führt ein strenges Regiment im Kinderhaus, duldet keine Nachlässigkeiten. Und die Kinder spüren täglich, warum sie das tut. "Schwester Luba kommt!", rufen sie, wenn ihre Beschützerin von ihren Lagergängen zurückkehrt und etwas dabeihat: Brot, vielleicht gar eine Salami. Von Hetty verlangt sie mehr, Hetty muss ihr helfen und Verantwortung übernehmen, Tag für Tag. Und so entwickelt sich in Hetty Verolmes Bericht ganz leise und untergründig der Gedanke an Rettung. Während einer Lesung im Frühjahr in Berlin sagte sie es ganz direkt: "Wenn du die Hoffnung verlierst, bist du in zwei Tagen tot."

Es sei ihr schwer gefallen, bekannte Hetty Verolme, anlässlich der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung, an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Und doch sei es dann "kein Ort böser Geister" gewesen, das Gedenken, der Besuch bei den Toten habe das überwogen. "Mach den Mund auf, Hetty", sagt Schwester Luba, "ich will dir ein bisschen Traubenzucker geben." Vielleicht war es diese Stärkung, die Hetty Werkendam über eine Typhusattacke rettete. Kurz zuvor waren, nur wenige Meter von der Kinderbaracke entfernt, Margot und Anne Frank an Typhus gestorben, ein paar Wochen bevor die Briten das mit Leichnamen bedeckte Lager erreichten. Schwester Luba lebt heute in Miami. Reinhard Osteroth