Nach dem Geheimcode für die Atomwaffen gehört der Gesundheitszustand des Präsidenten zu Frankreichs größten Staatsgeheimnissen. Anders als in den USA, wo noch jeder präsidiale Sonnenbrand öffentlich wird, bleibt die Physis eines französischen Staatsoberhauptes undurchdringlich. Das Blutgerinnsel im Kopf des 72 Jahre alten Jacques Chirac mag, wie von offizieller Seite beteuert, harmlos sein und nach einer Woche Krankenhaus verschwinden. Doch die Franzosen trauen den Behörden nicht länger, zu unterscheiden zwischen Diskretion zum Wohle des Persönlichkeitsschutzes und einer Täuschung zum Zwecke der Staatsräson. Bis zuletzt waren ihnen die Krebserkrankungen der Präsidenten Georges Pompidou und François Mitterrand verheimlicht worden.

Auch jetzt hat es zwölf Stunden gedauert, bis wenigstens Premier und Innenminister von Chiracs Einlieferung erfuhren. Das ist bizarr, weil der französische Staatschef und Oberbefehlshaber zwar eine einzigartige Machtfülle, aber im Notfall keinen Stellvertreter besitzt. Um einen Mittelweg zwischen Amerikas Voyeurismus und Frankreichs kremlartiger Geheimhaltung zu finden, fordern die Parteien nun ein paritätisch besetztes Ärztekollegium, das durchschaubare Präsidenten-Bulletins herausgibt. Mit Sicherheit wollen die Franzosen keinen gläsernen Präsidenten, aber eine größere Transparenz ihrer Institutionen, die für sie jetzt am Körper des Königs beginnt.