Knapp 600 Seiten umfasst das Werk von Inge Müller, Entwürfe, Skizzen mit eingerechnet. Ein winziger Bruchteil davon ist zu ihren Lebzeiten veröffentlicht worden: Texte für Kinder, eine Hand voll Gedichte, die zusammen mit Heiner Müller geschriebenen Stücke aus der Produktion, für die das Paar zusammen den Heinrich-Mann-Preis erhielt, und das Hörspiel Weiberbrigade, aus dem nie ein Theaterstück wurde, sosehr das Deutsche Theater auch auf Vertragserfüllung drängte. Dem schmalen Werk steht eine außerordentliche Fülle an biografischer Forschung in hoher Qualität gegenüber: 2002 ist Ines Geipels farbige Studie Dann fiel auf einmal der Himmel um bei Henschel erschienen, nun zum 80. Geburtstag von Inge Müller die Biografie der Literaturwissenschaftlerin Sonja Hilzinger.

Zu Lebzeiten stand sie im Schatten, den Heiner Müller warf

Der Forschungsgegenstand DDR und die nicht abgearbeiteten Traumata, die das kleine Land hinterlassen hat, verführen zur abschließenden Historisierung. Und die Person Inge Müller, die zu ihren Lebzeiten als Frau an seiner Seite mehr und mehr im tiefen Schatten stand, den Heiner Müller warf, ist in ihrem Unglück, ihrer Lebensunfähigkeit, ihrer Sucht nach Liebe, Alkohol und Intensität tatsächlich eine Projektionsgestalt. Ebenso wie die früh verstorbenen Brigitte Reimann, Maxie Wander, Irmtraud Morgner. Was aber Inge Müller, geborene Meyer, geschiedene Lohse, geschiedene Schwenkner, auszeichnet, ist eine Doppelgesichtigkeit. Sichtbar war, solange sie den Mut hatte zu leben, ihre Arbeit als Dramatikerin, Bearbeiterin von Stücken und Hörspielen. Sonja Hilzinger arbeitet heraus, dass diese am Krieg und am Nichtmehrkrieg erkrankte Frau keinesfalls ohne Vitalität war, dass harte Brüche ihr Leben kennzeichnen. In zweiter Ehe heiratet sie, mit einem winzigen Kind aus erster Ehe, einen Kommunisten, der den Friedrichstadtpalast leitet und später den Zirkus Busch. Inge Müller liebt Tiere, tingelt mit dem Zirkusdirektor herum und genießt es, als sehr junge Frau in einem Haus am Lehnitzsee im Norden von Berlin privilegiert zu leben. Ihr Mann Herbert Schwenkner hat ein beachtliches Gehalt, Reisefreiheit und ein Auto. Nachbar ist der erfolgreiche Friedrich Wolf. Er ebnet ihr die ersten Wege als Schriftstellerin.

Die Siedlung ist ganz nah am Konzentrationslager Sachsenhausen gelegen, sie wurde von den Häftlingen errichtet. Daraus erwächst für Inge Müller, so berichtet Sonja Hilzinger, kein Konflikt, auch daraus nicht, dass sie bereits Anfang der fünfziger Jahre über eine Hausangestellte und ein Telefon verfügte. Sie ist eine aufstrebende Frau, die früh in einem bürgerlichen Status angekommen ist und 1953 Mitglied der SED wird. Als Stalin starb, wurde in der Küchenecke ein kleiner roter Altar aufgebaut, am Abend des 17. Juni 1953 gehen Schwenkner und Frau aufgeregt zu einer Parteiversammlung, berichtet der Sohn Bernd. In Unordnung gerät die sozialistische Idylle am See erst, als die junge Autorin einen spindeldürren Kollegen aus der sächsischen Provinz, der keine Bleibe hat und bei Brecht hospitieren möchte, zum Liebhaber nimmt und ihn im ehelichen Haus am Lehnitzsee einquartiert: Heiner Müller lebt fortan mit Inge im ersten Stock, Schwenkner parterre. Eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft beginnt, die bis zum Tod von Inge Müller hält, doch von beiden Partnern mit der Zeit vollkommen verschieden interpretiert wird. Heiner Müller besinnt sich auf das Brechtsche Meister-und-Mitarbeiterin-Modell, Inge Müller beharrt auf der verbindlichen Gemeinsamkeit, die Liebe stiftet, wird Übermutter und Aufpasserin, Funktionen, denen sich Heiner Müller abwehrend entzieht. Aus der Produktionsgemeinschaft wird eine Destruktionskampagne. Herbert Schwenkner, der zweite Ehemann, das ist nur bei Geipel zu lesen und nicht bei Hilzinger, verpflichtet sich bei der Staatssicherheit, vermutlich überwacht er als IM Friedel das Paar in seinem Haus. Das Ministerium für Staatssicherheit bereitet ihn gründlich auf einen Westeinsatz vor, er soll mit einer geliehenen Identität als Versicherungsmakler Künstler ausspähen, doch diesem Einsatz fühlt er sich nicht gewachsen, er bricht den Kontakt zur Staatssicherheit und zur Partei ab und wird fortan diffamiert.

Als Inge Müller starb, hinterließ sie ein Konvolut von 300 Gedichten, von denen sie 93 für einen Band zusammengestellt hatte. Radikal skelettierte Gedichte, hart gesetzte Fügungen, verstörende Reime, denen jeder Klingklang ausgetrieben worden war. Das war nicht mehr die Brechtsche Einfachheit, die schwer zu machen ist, es waren Gänge über Messers Schneide, Abstürze waren eingeschrieben. Das Schreiben explodiert förmlich in diesen kurzen, manchmal wie fragmentarisch verknappten Texten, es steht mit dem Rücken zur Wand. Dass der Band erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod erschien, in der DDR und dann ein Jahr später schon in der Bundesrepublik, verwunderte nicht. Es waren die Lyriker der DDR, die Inge Müllers Werk zäh und in kleinen bekömmlichen Quanten hier und dort lancierten und vor dem Vergessen gerettet haben: Richard Pietraß, Bernd Jentzsch, Adolf Endler, sie haben den Stab weitergegeben an die Prosaisten Reinhard Jirgl, Ines Geipel, Katja Lange-Müller, die Inge Müller eine bestechende Erzählung gewidmet hat. Wer könnte besser als die Dichter nachempfinden, was es bedeutet, mit dem eigenen Anspruch an die künstlerische Arbeit gegen Betonwände zu rennen, private Sehnsüchte und gesellschaftliche Anforderungen nicht zur Deckung bringen zu können. Inge Müllers gemeißelte, strenge Gedichte hätten Mitte der sechziger Jahre keine Chance zur Veröffentlichung gehabt. Christa Wolf, nur vier Jahre jünger, sprach in ihrem Aufsatz Über Sinn und Unsinn von Naivität 1974 von "jenen ›unbewältigten‹ Einlagerungen in unseren Lebensgeschichten". Nur einer bekennt in auskömmlichem Egozentrismus: "Ich hab sie vergessen. (…) Durch diese Frau habe ich durchgeguckt. Ich glaube, solche wie wir fanden damals die Menschheit wichtiger als einzelne Exemplare", schrieb Wolf Biermann. Und vor allen Dingen fand das anonyme Männer-Wir der DDR sich selbst immer bedeutender als die Person, die weniger herrisch die Trommel für sich selbst rührte.