Am tückischsten ist der "Greyout-Effekt". Wenn das Flugzeug in eine dieser wahnwitzig engen Kurven rast, in denen der Körper mit dem Neunfachen seines normalen Gewichts in den Schalensitz gepresst wird, kann plötzlich alles grau erscheinen. Weil das Blut aus dem Kopf in die Beine schießt, reicht die Sauerstoffversorgung der Augen nicht mehr aus, um Farben zu unterscheiden. Der Pilot bekommt den Tunnelblick, das Gesichtsfeld versinkt von außen nach innen in Grau, nur noch in der Mitte sieht er einen hellen Punkt. "Dann muss man den Schub schnellstens zurücknehmen", sagt Eurofighter-Pilot Frank Simon, "sonst folgt auf den Greyout der Blackout – die Bewusstlosigkeit. Und die bedeutet im modernsten Kampfflugzeug Europas ziemlich sicher den Tod.

Nicht dass solche Unfälle im Luftwaffenstützpunkt Laage bei Rostock schon vorgekommen wären. Hier, wo Deutschlands erste Eurofighter-Piloten geschult werden, sind bislang keine Abstürze zu verzeichnen. Man versucht aus den Fehlern zu lernen, die etwa die Amerikaner bei der Einführung ihres Kampfjets F-16 gemacht haben. Immer wieder unterschätzten die Piloten die gewaltigen Beschleunigungskräfte ihrer neuen Maschinen, verloren das Bewusstsein und bohrten sich mit gewaltigem Schub in den Erdboden. Deshalb wurde Frank Simon, der mehr als zweitausend Flugstunden auf anderen Jets hinter sich hat, vor seinem ersten Start im Eurofighter wieder in der großen Zentrifuge herumgewirbelt; nur dort treten ähnlich hohe Fliehkräfte auf wie im Kampfflugzeug. Bis zu neun G, das Neunfache der Erdbeschleunigung, müssen die Piloten ertragen. Ein 80-Kilo-Mann wie Simon fühlt dann 720 Kilogramm auf sich lasten. Das hält normalerweise kein Mensch aus.

Wassermuskeln helfen, den monströsen Fliehkräften zu trotzen

Deshalb trägt Simon auch die "Libelle", einen maßgeschneiderten, hautengen Overall, über den von oben bis unten dicke Wasser-Muskeln laufen. Die Kluft mit den eingenähten Schläuchen wiegt acht Kilo, doch sie hilft, den monströsen Zentrifugalkräften im Eurofighter zu trotzen. Denn wie das Blut schießt auch das Wasser nach unten, verengt den Anzug und baut somit einen Gegendruck auf, der den Kreislauf stabilisiert. So richtig funktioniert das allerdings nur, wenn der Pilot zugleich die Bein- und Gesäßmuskulatur anspannt und gleichzeitig langsam und tief durchatmet.

Man glaubt Oberstleutnant Simon gern, wenn er trocken feststellt, die Belastungen im Kampfjet seien mit nichts auf der Welt vergleichbar. Eine leise Ahnung davon bekommt der Normalbürger allenfalls in der Achterbahn; in den Kurven moderner Bahnen wirken fünf G – für Sekunden. Im Eurofighter drücken die neun G manchmal bis zu einer Minute lang auf den Organismus. Und die Belastung beim Start, wenn der Jet nach acht Sekunden abhebt, vergleicht Simon schlicht mit einem "Tritt in den Rücken". Angeblich ist selbst Michael Schumacher übel geworden, als er das erste Mal das Cockpit der Formel-1 mit dem eines Düsenjets vertauschte.

Sechs Mann werden derzeit in Laage auf dem Eurofighter ausgebildet. Sie, allesamt alte Hasen wie der 37-jährige Simon, sollen danach als Fluglehrer ihr Wissen weitergeben. Bis zum Jahr 2015, so sieht es die Planung vor, werden alle dafür vorgesehenen Geschwader der Bundeswehr damit ausgerüstet sein, 180 Eurofighter ersetzen dann die alte Phantom und eine Vielzahl von Tornados. Und alle Piloten werden bis dahin durch die Ausbildung in Laage, dem modernsten Militärflughafen Deutschlands, gegangen sein. Entsprechend stolz ist man beim dort stationierten Jagdgeschwader 73 "Steinhoff" – auch wenn man weiß, wie kritisch die Öffentlichkeit den Eurofighter (Exportname Typhoon) sieht.

Kein Flugzeug war je so umstritten wie dieses multinationale Rüstungsprojekt, an dem Deutschland, Großbritannien, Spanien und Italien beteiligt sind. Erste Planungen für den mit doppelter Schallgeschwindigkeit (Mach 2) fliegenden Jäger datieren noch aus den siebziger Jahren; mehrmals wurden sie über den Haufen geworfen. Nur eines blieb konstant: der exorbitante Preis, der bislang noch jeden Verteidigungsminister zur Verzweiflung trieb. Der Stückpreis liegt derzeit (je nach Kalkulation) zwischen 50 und 86 Millionen Euro, inklusive Bewaffnung sollen die 180 Kampfmaschinen am Ende rund 24 Milliarden Euro kosten – die teuerste Neuanschaffung in der Geschichte der Bundeswehr. Und das in einer Zeit, in der alle Welt vom "asymmetrischen Krieg" und dem Kampf gegen versteckt arbeitende Terrorgruppen spricht. Wäre das Geld für den Eurofighter nicht in gepanzerten Fahrzeugen für die Fußtruppen in Afghanistan besser angelegt?