Der Rennzirkus lehrt es: Extreme Leistungen überfordern selbst hochgezüchtete Materialien. Mal kracht es wegen der hohen Drehmomente gewaltig im Getriebe, mal brennt der überhitzte Motor, mal versagen die Reifen. Die sind besonders heikel, weil extrem wetterfühlig: Ein Regenguss, schon schlittert der Renner ins Kiesbett, weil seine für Trockenheit optimierten Slicks auf einer dünnen Schicht H2O davonschwimmen wie Schiffchen ohne Ruder. Wegen geplatzter Reifen wurde das Rennen von Indianapolis im Juni zum Skandal. Vierzehn Autos mit Michelin-Reifen durften nicht starten, die restlichen sechs fuhren ein Pseudorennen, Fans empörten sich über diese "Formel-Reifen". Wie brenzlig die Gummifrage ist, zeigte sich am Wochenende beim Rennen auf dem Parcours von Monza. Juan Pablo Montoya fuhr mit defektem Hinterreifen kaltschnäuzig bis ins Ziel. Und siegte.

Doch sind solche Rennprobleme auch im Alltag auf der Straße relevant? Ihre Bedeutung wächst. Bald geht es auf deutschen Autobahnen schneller zu als auf Flughafenpisten oder Rennbahnen. So übertreffen die jüngsten Produkte der Automobilindustrie mit Tempo 400 nicht nur die Startgeschwindigkeiten von Jets (Super-Airbus A380: 260 km/h; Eurofighter: 270km/h), sondern auch die Spitzengeschwindigkeiten in Formel-1-Rennen. Die Profis erreichen 280 km/h in Monaco, auf der schnellsten Strecke in Monza 360 km/h. Weil wachsende Höchstgeschwindigkeiten dem Rennsport in den vergangenen Jahren spektakuläre Unfälle einbrockten und die beflügelten Boliden zunehmend zum Flug abhoben, wurden im Reglement unter anderem verstellbare Spoiler untersagt. Die Pisten entschärfte man durch Einbau von Schikanen, Tempo 400 bleibt so unerreichbar.

Was sich die Rennprofis aus leidvoller Erfahrung endlich verkneifen, das drängt nun mit behördlichem Segen auf öffentliche Straßen. So verfügt der neue Bugatti Veyron über einen verstellbaren Spoiler. Um die 400-km/h-Grenze zu knacken, benötigt er spezielle Michelin-Pneus. Die sind für trockenes Wetter ausgelegt, nicht für Nässe, Matsch oder gar Schnee. Formel 1 lässt grüßen.

Helge Hoffmann, bei Michelin zuständig für Produkttechnik, beschreibt das Dilemma der Konstrukteure so: Bei den Reifen des Bugatti gehe Michelin "von trockenen Straßenverhältnissen aus. Bei starker Nässe geht der Grip verloren, da hebt die Kiste ab." Man könne zwar auch bei Regen fahren, "aber nicht im Hochleistungsbereich über 300 km/h. Das gilt nicht nur für Bugatti", sagt er.

Hans-Jürgen Drechsler vom Bundesverband Reifenhandel bestätigt: "Reifen sind immer ein Kompromiss, die Formel 1 zeigt es." Und womit fahren dann all die neuen Superautos im Winter? Gibt es überhaupt M+S-Reifen für Geschwindigkeiten über 300 km/h? "Nein, die Grenze liegt bei 240. Einzig der finnische Hersteller Nokian geht bis zur Kategorie W, das entspricht 270 Stundenkilometern." Allerdings sind solche schnellen Winterreifen umstritten, Insider halten sie eher für einen Werbegag. Denn ein Winterreifen für hohe Geschwindigkeiten ist ein Widerspruch in sich. Die Pneus sind für Temperaturen unter sieben Grad Celsius ausgelegt, mit steigender Wärme verlieren sie ihre vorteilhaften Eigenschaften. Und wer rast, der erhitzt seine Reifen. "Es macht keinen Sinn, einen Winterreifen deutlich über 200 km/h zu fahren", sagt Helge Hoffmann. Michelin könnte bereits seit Jahren einen Winterreifen der Kategorie W anbieten, wie andere Premiumhersteller auch. Aber das sei eher unerwünscht, sogar Firmen wie Porsche hielten "Tempo 270 im Winter für ein falsches Signal". Daher bleibe der W-Reifen in der Schublade. Vorerst.

Bei Tempo 400 zerrt das eigene Profil gefährlich am Reifen

Hoffentlich wissen alle Tempofreaks, dass sie nur bei trockenem Sommerwetter mit Bleifuß fahren dürfen. Welch gewaltige Kräfte bei 400 Sachen an den Reifen zerren, verdeutlicht folgendes Beispiel: Ein einzelner Profilstollen, der im Stand nur wenige Gramm wiegt, reißt dann mit bis zu 27 Kilo Zentrifugalkraft am Gummi, das entspricht einem Reisekoffer mit Übergewicht. Am Bugatti-Reifen sitzen über hundert Profilstollen, ihre Fliehkräfte würden jeden normalen Pneu zerfetzen.