Auch dieses Jahr muss man sich den Lido wie eine kleine amerikanische Kulturkolonie vorstellen. Mit bewundernswerter Chuzpe hat Hollywood die ganze Mainstream-Routine der kommenden Kinosaison in dieses Filmfestival gestopft: von Heath Ledger, der in Lasse Hallströms Casanova als affiger Seidenstrumpf-Verführer durch eine disneyfizierte Lagunenstadt tölpelt, über Terry Gilliams verpatztes Märchenspektakel The Brothers Grimm bis zu Gwyneth Paltrow in der Rolle eines muffigen Mathematikgenies in John Maddens Proof.

Unter der Kino-Käseglocke von Venedig, an diesem seltsam irrealen Ort, wo die Amerikaner ihre Galapartys im Dogenpalast feiern und die Büdchen Sandwiches verkaufen, die Gregory Speck oder Ham Cruise heißen, kann der Einbruch der Wirklichkeit irritierend wirken. Insofern hatte der Auftritt der Schauspielerin Patricia Clarkson auf der Pressekonferenz von George Clooneys Film Good Night, and Good Luck eine gewisse Größe. Als Clooney seine aus New Orleans stammende Darstellerin bat, doch etwas von ihrer Mutter, einer Mitarbeiterin des Bürgermeisters, zu berichten, blockte Clarkson ab. Zwar treffe es zu, dass ihre Mutter im 12. Stock des Hyatt-Hotels versuche, die Verwaltung der überschwemmten Stadt aufrechtzuerhalten, doch gehöre dies einfach nicht hierher. Dass sich ein Star gegen Neugier und Betroffenheits-Glamour stellt und darauf verzichtet, mit bewegenden Worten als Katastrophen-Maskottchen zu punkten, hat etwas zutiefst Sympathisches.

Allerdings ist die wirkliche Wirklichkeit in Venedig durchaus präsent, wenn ihr das Kino mit seinen eigenen Mitteln zu Leibe rückt. Die Gegenwart eines Landes, das ganze Bevölkerungsgruppen durch das soziale Raster fallen lässt, in dem die Freiheit des Einzelnen im patriotischen Gedonner untergeht und Nachrichten durch hysterisches Infotainment ersetzt wurden, zog mit dem amerikanischen Autorenkino auf dem Lido ein. George Clooney etwa führt den Betrachter in seiner zweiten Regiearbeit in die politische Paranoia der McCarthy-Ära. Sein elegant fotografiertes schwarzweißes Kammerspiel porträtiert den Nachrichtenmoderator Edward Murrow, in dessen traumhaft mutiger Redaktion jeder gerne arbeiten würde. Hier trotzt man den Machenschaften der Mächtigen, nimmt die amerikanische Verfassung beim Wort und schützt das Recht des Einzelnen gegen McCarthys vermeintlich patriotische Denunziationen. Hier wird Journalismus noch so aufklärerisch und kritisch betrieben, dass es Clooneys kettenrauchenden Helden sogar gelingt, den fanatischen Senator gegen alle Zensur- und Einschüchterungsversuche in die Knie zu zwingen. Der Film ist ein Statement mit bitterem Nachgeschmack, ein liebevoller Abgesang auf eine politische Fernsehkultur, die nicht nur in den Vereinigten Staaten verschwunden ist. So erregt Good Night, and Good Luck nicht nur Zorn auf den dumpfen Patriotismus von damals und heute, sondern vor allem eine große Wut auf die Sabine Christiansens dieser Welt.

Und doch: Am eindrücklichsten war das US-Kino in Venedig, wenn es an allen Botschaften vorbei in die Wohnzimmer, Küchen und billigen Containersiedlungen blickte, auf die Parkplätze im Nirgendwo, auf Figuren, die jeder Frage nach ihrem traurigen kleinen Leben mit einem schwungvollen "Terrific!" begegnen.

Sieht man zum Beispiel in Steven Soderberghs Film Bubble über eine Mordgeschichte mit absehbarem Ausgang hinweg, dann bleibt immer noch die beinharte Studie einer ganz normalen Verrohung. Soderbergh stellt seine dickliche Heldin genauso wenig aus wie ihren wortkargen jungen Arbeitskollegen, mit dem sie in der Mittagspause Fast Food in sich hineinstopft. Distanziert zeigt die Kamera, wie die beiden in einer realgespenstischen Puppenfabrik aus Plastik winzige Arme, Beine und Füße gießen, Wimpern ankleben und Kunsthaar kämmen. Mit einem nüchternen, man könnte auch sagen: ethnologischen Blick filmt Soderbergh seine Laiendarsteller beim Essen und Fernsehen in den Blechsiedlungen, beim Arbeiten und Autofahren, bei den banalen Unterhaltungen. Es entsteht eine gestochen scharfe Bestandsaufnahme, ein bewegendes Fotoalbum mit Bildern fast metaphysischer Leere.

Vielleicht ist der funktionale Wohncontainer, diese karge Metallwabe, in der man sich selbst für bessere Zeiten aufbewahrt und irgendwann stirbt, eine Art Endstation Sehnsucht des amerikanischen Gegenwartskinos geworden. Im Vergleich mit Steven Soderberghs Innenansichten des beengten Lebens wirkt Ang Lees Wettbewerbsbeitrag Brokeback Mountain zunächst wie ein ausladendes Gefühls-Panorama. Beim Schafehüten in der Abgeschiedenheit der Wälder und Täler von Wyoming lernen sich Ennis Del Mar (Heath Ledger) und Jack Twist (Jake Gyllenhaal) Anfang der sechziger Jahre kennen. Ganz vorsichtig zeigt Lee diese Liebesgeschichte zweier Cowboys. Die ersten verstohlenen Blicke, die Berührungen, der erste Sex im Zelt. Doch von der Weite der Landschaft führt der Film zurück in eine Welt, in der beide Männer tun, was sie glauben tun zu müssen. Sie heiraten, gründen Familien, setzen ihre Liebesgeschichte über Jahrzehnte hinweg heimlich fort. Am Ende erzählt auch Brokeback Mountain eine Geschichte der Innenräume. Nach dem Tod des Freundes besucht Del Mar dessen ärmliches Elternhaus. Man sieht zwei weitere Figuren des großen amerikanischen Fotoalbums: zwei alte Menschen, die immer gewartet haben. Auf die Rückkehr des Sohnes, auf die Renovierung, auf die Zukunft, worauf auch immer.

Und dann gibt es natürlich die Filme, in denen das Familienalbum aus lauter lustigen Schnappschüssen mit originellen Erklärungstextchen besteht. Filme, in denen die amerikanische Familie ein lauter, warmherziger, bunter Haufen ist. Mit grauhaarigen Frauen, die in der Küche Berge von Pfannkuchen backen, während die Männer witzige alte Geschichten erzählen und die Enkel durchs Bild flitzen. Filme, die nur auszuhalten sind, wenn eine Schauspielerin wie Susan Sarandon darin mitspielt. In Cameron Crowes Elizabethtown kommt sie als Witwe in das Heimatstädtchen ihres Mannes in Kentucky. Bei der großen Gedenkfeier steht sie, die immer die Frau aus Kalifornien blieb, die Fremde, die ihn weggelockt hat, seiner Familie, den Freunden, ja der ganzen Stadt gegenüber.