Der Karneval zerfällt in zwei Bereiche, Sitzungskarneval und Straßenkarneval. Für die Politik gilt das Gleiche. Hier unterscheiden wir zwischen Sitzungspolitik und bunter Straßenpolitik. Die meisten Politiker sind klassische Sitzungsmenschen, Wiefelspütz, Gerhard, von Klaeden – Herren des Hinterzimmers. Wie viele Konferenzraumtapetenmuster haben sie gesehen und in sich gespeichert! Wie viele Faltwände haben sich hinter ihnen geschlossen, jene Wände, die ein Lokal teilen in die Welt des Trunks und in die Welt der Nägel, Köpfe und dicken Bretter.

Ohne den Sitzungspolitiker wäre der Straßenpolitiker nichts. Der Sitzungspolitiker ist ein gramer Märtyrer, ein Pragmatiker mit Leitz und Seele. Leider liebt der Zuschauer vor allem den Straßenpolitiker. Die Sitzungspolitiker sind das Gebiss der Politik, die Straßenpolitiker sind das kampflustige Lächeln darüber.

Die Regierung hat zwei große Straßenpolitiker, Schröder und Fischer. Die Opposition? Nun ja. Westerwelle ist ein kompletter Spieler, mit dem Wort kann er alles, aber in der Sitzung wirkt er, als sei er auf der Straße, und auf der Straße wirkt er, als sei er in der Sitzung.

Den großen Spielern dagegen wird die Welt zum Garderobenspiegel. Reagan, Clinton, Blair, Schröder, sie lächeln, sie schießen mit dem Zeigefinger in die Masse, als hätten sie darin DICH, ihren einzigen Freund, wieder entdeckt. In Wahrheit grüßen sie sich selbst. "Schauspielen bedeutet, intim zu sein mit sich selbst", hat Robert Redford einmal gesagt.

Und es gibt keinen, der so intim mit sich sein kann wie Schröder. Er treibt kein Spiel mit uns, sondern eins mit dem Gerd. Er geht nicht aus sich heraus, er geht zu sich selbst in Klausur. Er führt kein Gespräch mit der Masse; er schaut sich dabei zu, wie der Kanzler ihm aus der Seele spricht.

Angela Merkel holt aber handwerklich auf; im Duell mit dem Kanzler zeigte sie ihr koalierwilligstes Lächeln. Schröder schaute wohlgefällig auf Merkel herab wie ein Monarch, ein nicht Abwählbarer, auf eine frech vorsprechende Bürgerin. Er goss seine ironische Ritterlichkeit, sein Kavaliers-Höhö über ihr aus, aber sie schüttelte den Hohn ab. In Sekunden probierte sie alle Lächelvarianten aus, das ganze Programm, das ein Coach ihr beigebracht hat. Schröder und Merkel überschrien einander nicht, sie lächelten sich nieder.