Die Leser der Times-Picayune wussten schon seit Juni 2002 Bescheid. Auf über 30 Zeitungsseiten hatte die Lokalzeitung aus New Orleans bis ins Detail vorhergesagt, welche Verwüstungen ein Hurrikan der Stufe 4 in der Stadt anrichten würde. Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Lake Pontchartrain, vermischt mit Chemikalien, Abwasser und Industriemüll, verwandeln die tief liegenden Straßen in einen giftigen See; die Katastrophe fordert über 25000 Tote, macht Hunderttausende obdachlos, überfordert die Rettungskräfte; eine mindestens sechsmonatige komplette Evakuierung ruiniert die lokale Wirtschaft auf Jahre. "Die Frage ist nicht, ob es so kommt", hieß es damals im Leitartikel der Times-Picayune , "sondern nur wann."

Nicht nur die Lokaljournalisten sahen die Katastrophe voraus. Auch für die Küstenschutzexperten kam sie nicht überraschend. Seit Jahren wurden die Folgen eines starken Hurrikans in aufwändigen Computermodellen simuliert und auf Fachkongressen diskutiert. "Es war doch allgemein bekannt, dass die Deiche um New Orleans der Flut nach einem Kategorie-4-Hurrikan nicht standhalten würden", sagt Marcel Stive, Direktor des Forschungszentrums Wasser an der niederländischen Technischen Universität Delft. Die nötige Verstärkung der Deiche war längst geplant. Doch die erforderlichen Mittel standen nicht zur Verfügung. Um ein Drittel sei der Etat für den Küstenschutz seit dem Beginn des "Kriegs gegen den Terror" gekürzt worden.

Nicht nur der Deichbruch war programmiert, auch das Chaos bei einer angeordneten Evakuierung war absehbar. "100000 Menschen mit niedrigem Einkommen haben keine Autos und sind auf ein öffentliches Notfall-Transportsystem angewiesen, das nie erprobt worden ist", hieß es vor drei Jahren in der Lokalzeitung von New Orleans. Dabei war klar, dass eine Flucht die einzige Chance sein würde, sich vor den Folgen eines starken Hurrikans zu retten. "Selbst wenn wir es schaffen, einige der Zurückgebliebenen in Schutzräume zu bringen, müssen wir davon ausgehen, dass fünf bis zehn Prozent aller Menschen, die nicht aus der Stadt fliehen, ihr Leben verlieren werden", zitierte die Times-Picayune den Katastrophenschutzbeauftragten.

Technisch wäre es – die erforderlichen Investitionen vorausgesetzt – ohne weiteres möglich gewesen, New Orleans vor einem Hurrikan von Katrinas Stärke zu schützen. Wie entsprechende Deiche beschaffen sein müssen, ist an der Nordseeküste zu sehen. Jede schwere Sturmflut lässt das Wasser hier wesentlich höher ansteigen als ein Hurrikan im Golf von Mexiko. "Aber bei der Deichsicherheit liegt – oder besser lag – Louisiana auf einem Niveau, das wir in den Niederlanden vor 1953 hatten", sagt der Küstenschutzexperte Marcel Stive. Eine Flutkatastrophe in Zeeland hatte damals zum Umdenken geführt. Jetzt schreibt ein Gesetz vor, dass die niederländischen Deiche so stark sein müssen, dass sie höchstens alle 100000 Jahre brechen können. Diese Vorgabe wird derzeit zwar nicht erfüllt, doch mit einem kalkulierten Schaden in 2500 Jahren sind die Niederlande noch immer weit besser gewappnet als New Orleans, das statistisch alle 50 Jahre mit einem Deichbruch rechnen musste. "Die Sicherheitskulturen unterscheiden sich stark", sagt Stive. "In Europa sehen wir die Gefahrenabwehr als kollektive Aufgabe, in Amerika wird sie eher als Privatangelegenheit betrachtet."

Die Kosten der Zerstörung wird nun aber doch der Staat tragen müssen. Ernst zu nehmende Alternativen zu einem vollständigen Wiederaufbau – und zwar mit besseren Deichen – gibt es nicht. "Überall auf der Welt haben wir es mit Groß- und Megastädten zu tun, die man eigentlich gar nicht hätte bauen dürfen", sagt der Stadtplaner Franz Pesch, der sich an der Universität Stuttgart mit zerstörten Städten beschäftigt hat. Von Shanghai über London und Lagos bis nach Buenos Aires lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in einem Flussdelta, das permanent von Überschwemmungen bedroht ist. Selbst Städte, die nach Erdbeben oder Kriegen praktisch bei null wieder anfangen mussten, wurden nicht aufgegeben. Denn die Werte einer Stadt stecken nur zum kleineren Teil in ihren Häusern. Wichtiger sind der historisch gewachsene Grundriss, die gesamte Infrastruktur, von der ein Großteil unterirdisch verläuft. Am wichtigsten aber sind die Bewohner, die sich mit der Stadt und ihrer Geschichte identifizieren.