Ein spätes Gedicht Ekkehard Schalls hat den Titel Auf mir ein Makel nun, wie sich's gehört - es endet so: So lasse ich den Magdeburger Schatten / sowie den Sonnenschein, der mir vertraut / und alle Steine, die mich hatten / sind anderswo verschüttet und verbaut.

Nicht er hatte die Steine, sondern die Steine hatten erst mal ihn - in den Klauen. So dichtete der epische Schauspieler Ekkehard Schall. Wenn Schall von Steinen redete, meinte er: die Verhältnisse, die Klassenwidersprüche, zu deren Sprengung Anschauung und Erkenntnis nötig waren.

Er wurde am 29. Mai 1930 in Magdeburg geboren. Als 22-Jähriger sprach er bei Brecht am Berliner Ensemble vor. Er wurde genommen, gleich doppelt. Brecht trainierte ihm das Jung-Siegfriedhafte ab und baute ihn zum Protagonisten auf, Bert Brechts und Helene Weigels Tochter Barbara heiratete ihn. Erst nach Brechts Tod wurde Ekkehard Schall zum Brecht-Spieler schlechthin, in den Hauptrollen des Schwiegervaters aufgehend und in ihnen gefangen. Er war Arturo Ui, Azdak, Wang, Baal, Puntila, aber auch Stalin (in Heiner Müllers Germania 3), der Teufel (im Jedermann), Woyzeck - und Danton. Büchner lässt in Dantons Tod über den wahllos kopulierenden Danton sagen, er mache Mosaik, sprich, er lese sich aus den Kurtisanen am Hof eine irreale Überschöne zusammen - in vielen Sexualakten komme er der großen Ekstase nahe.

Ekkehard Schall machte es auf dem Gebiet der Menschendarstellung ähnlich: Seine Figuren, sagte er, seien Schweißnähte zwischen Metallplatten. Er schuf Zerklüftete, von Gegensätzen Durchschüttelte, von Rissen Durchzackte, und aus den Rissen stieg der Schwefel der Erkenntnis und der Theaterdämonie.

Ekkehard Schall war beherrscht vom Eros und Pathos des Zeigenwollens. Ein Lehrer, der die Widersprüche in sich selbst aufklaffen lässt, ein Exhibitionist der Charakterspalten. Er winkte uns dröhnend heran und ließ uns hinabsehen in den Coriolan, den Galilei, den Fatzer. Schall glaubte, eine Figur müsse nur begriffen werden, dann sei sie entschärft zum Anschauungsmaterial. Als er Passagen von Hitlers Mein Kampf auf CD aufnahm, gab es einen Skandal, den Schall nicht verstand: Ich bin der Meinung, dass durch intelligentes Sprechen meinerseits die mangelnde Intelligenz des Textes dargelegt werden kann.

Schall war ein autoritärer und umstrittener Bewacher des Brecht-Erbes. Von 1977 bis 1991 war er der stellvertretende Intendant des Berliner Ensembles, und als er es verließ, tat er es bitter. Auf Heiner Müllers Satz Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat antwortete Schall, Brecht gebrauchen, nur um ihn zu kritisieren, ist Blödsinn, und dem jetzigen Intendanten des BE, Claus Peymann, warf er Etikettenschwindel vor. Die Steine, die ihn hatten, waren längst anderswo verbaut - zu seinen Lebzeiten.

Am 3. September ist Ekkehard Schall in Buckow, wo er im Haus seines Schwiegervaters gewohnt hatte, gestorben.