DIE ZEIT : Herr Schmidt, Herr Biedenkopf, welchen Eindruck macht der Wahlkampf auf Sie?

Helmut Schmidt: Mein Eindruck ist unerheblich, wenn ich aber einen Eindruck nennen soll, dann ist es der, dass der Wahlkampf nicht sehr erheblich ist. Ich sehe keine prinzipiellen Unterschiede zwischen den beiden großen Parteien. Beide verhalten sich überwiegend taktisch. Den deutlichsten Unterschied erkenne ich bei beiden gegenüber der neuen Linkspartei. Als politischen Faktor muss man sie ernst nehmen, denn sie wird ganz sicherlich an Stimmen die bisherige PDS übertreffen. Sie aber geistig ernst zu nehmen, mit ihrer maßlosen Kritik und ihren bodenlosen Versprechungen, das fällt mir schwer.

Kurt Biedenkopf: Mein erster und wichtigster Eindruck ist, dass der Wahlkampf nicht der Begründung gerecht wird, die der Bundespräsident für die vorzeitige Auflösung des Bundestags gegeben hat.

ZEIT: Stimmen Sie seinem Befund zu, dass wir in der schwersten Krise der Nachkriegszeit stecken?

Schmidt: Nein, dem stimme ich nicht zu.

Biedenkopf: Ich auch nicht.

Schmidt: Köhler hat nicht den Zustand Deutschlands im Jahre 1945 bewusst miterlebt, nicht 1949, nicht in den fünfziger Jahren.

ZEIT: Aber dass die Schwere der Probleme nicht angemessen im Wahlkampf wiedergegeben wird, sagen Sie. Woran liegt das?

Schmidt: Es ist ein Geburtsfehler der Demokratie, dass normalerweise nur jemand gewählt wird, der sich den Wählern ausreichend angenehm präsentiert. Wer bittere Wahrheiten verkündet, muss ein begnadeter Redner sein. Solche Ausnahmefiguren sind selten, es bedarf auch der Ausnahmesituation. Das hervorragendste Beispiel war Churchill während des Zweiten Weltkriegs.

Biedenkopf: Wenn man Ihren Gedanken zu Ende führt, ist man mittendrin in einer Systemkritik.

Schmidt: Ich würde das System beibehalten wollen, allerdings nicht das Wahlrecht.

Biedenkopf: Sie glauben, das Mehrheitswahlrecht, bei dem man in der Regel ohne Koalitionen auskommt, mache uns handlungsfähiger. Es war aber auch mit dem Verhältniswahlrecht möglich, schwierige Entscheidungen durchzusetzen – Adenauers Westbindung, Brandts Ostpolitik. Nur ist es besonders schwierig, wenn dieses Gefühl der Ausnahmesituation fehlt, das Sie angesprochen haben. Heute spüren die Leute zwar, dass sich eine Epochenwende anbahnt, aber sie können sie nicht recht greifen. Die nötigen Reformen verlangen Einschränkungen in der Gegenwart und bringen erst in der Zukunft Nutzen.

ZEIT: Sehen wir uns die Themen der Wahl etwas näher an. Halten Sie die Zehn-Minuten-Steuererklärung bei einem Einheitssatz von 25 Prozent für wünschenswert und für machbar?

Schmidt: Für wünschenswert auf jeden Fall und für die Masse der Arbeitnehmerfamilien auch für machbar. Als ich nach dem Krieg als erwachsener Mann anfing zu studieren, habe ich, um ein bisschen Geld zu verdienen, Steuererklärungen gemacht – für Tankstellenpächter, für Einzelhändler, für Friseure. Das konnte ich aus dem Handgelenk, ohne von Steuern etwas zu verstehen, und die von mir vorbereitete Steuererklärung war in Ordnung. Das könnte ich heute auf keinen Fall.

Biedenkopf: Das kann ich schon lange nicht mehr.