Nie zuvor haben Menschen so viel Staub aufgewirbelt. 10 bis 20 Millionen Kilo feinster Teilchen schossen 30000 Kilometer weit empor, nachdem das Nasa-Projektil Deep Impact am 4. Juli in den Kometen Tempel 1 gekracht war. Selbst auf der 134 Millionen Kilometer entfernten Erde war das von der amerikanischen Raumfahrtbehörde genau auf den amerikanischen Unabhängigkeitstag terminierte kosmische Feuerwerk zu sehen. In einer einmaligen globalen Kooperation hatten fast alle großen Observatorien ihre Fernrohre auf den Ort des Weltraumcrashs ausgerichtet. Auch das Weltraumteleskop Hubble und weitere Satellitenkameras haben das Ereignis beobachtet. Hunderte Einzelbilder und Tausende Spektrometermessungen liegen vor. Ende vergangener Woche diskutierten 500 Astronomen die ersten Erkenntnisse.

Pech für die Nasa: Ein Softwarefehler hat die besten Bilder zerstört

In Shorts und Wollsocken steht Mike A’Hearn, der wissenschaftliche Leiter der Nasa-Mission, auf der Konzertbühne der englischen Universität Cambridge und lässt den Kometenbeschuss in seiner PowerPoint-Präsentation Revue passieren. Mit 37000 Stundenkilometern war Tempel 1 in das 372 Kilo schwere kupferne Projektil gerast, das sein Begleitsatellit direkt in die Kometenbahn manövriert hatte. "Die Zielgenauigkeit hätte nicht besser sein können", lobt sich A’Hearn selbst. Bis kurz vor dem Einschlag hatte eine Kamera Detailfotos der Kometenoberfläche zur Erde gefunkt. Mit seinen Kratern und Ebenen sieht Tempel 1 darauf fast mondähnlich aus, anders als die drei bisher aus der Nähe fotografierten Kometen Halley, Borrelly und Wild 2, die eher an pockennarbige Rugbybälle erinnern.

Sekunden vor dem Volltreffer zerstörte ein Staubkörnchen die Kameralinse des Projektils. Den Moment des Einschlags konnten zum Glück die Kameras des Begleitsatelliten noch dokumentieren. Doch schon Sekundenbruchteile später war auch von ihnen aus die Kometenoberfläche nicht mehr zu sehen. Mit einer Geschwindigkeit von 25000 Stundenkilometern war feinster Staub emporgeschossen und hatte den Kameras die Sicht geraubt. Ihr wichtigstes Ziel, endlich einen Blick ins Kometeninnere werfen zu können, haben die Astronomen also verfehlt. Auch die Frage, ob das Geschoss einen Krater in die Oberfläche gerissen habe und wie der aussehe, können sie nicht direkt beantworten. Deshalb muss eine Wette ohne Sieger bleiben, bei der die Mitglieder des Projektteams vor dem Start von Deep Impact auf verschiedene Szenarien gesetzt hatten. Nur die Verlierer stehen fest: Zerstört, wie von einigen Wissenschaftlern vermutet, wurde der Komet nicht.

Bislang hat das Team von Mike A’Hearn erst zehn Prozent aller Daten sichten können. Wie ein Popstar steht der vollbärtige Wissenschaftler in Cambridge auf der Bühne und fragt ins Fachpublikum: "Wer glaubt, dass wir auf unseren Bildern den Krater noch entdecken werden?" Keine einzige Hand geht nach oben. Auch wenn in den offiziellen Mitteilungen der Nasa keine Rede davon ist – unter den versammelten Astronomen hat sich längst herumgesprochen, dass der Erfolg von Deep Impact nicht nur von aufgewirbeltem Feinstaub verdunkelt wurde. Ein Softwarefehler hat dazu geführt, dass die ersten – und besten – Bilder des Zusammenpralls im Datenspeicher des Begleitsatelliten von späteren Aufnahmen überschrieben wurden.

"Na klar, Hunderte kleine Dinge sind schief gegangen", wiegelt A’Hearn auf Nachfrage ab. "So ist das eben bei diesen kleinen, schnellen Projekten. Hauptsache, die großen Dinge klappen." Für die Reklameabteilung der Nasa war allein der erfolgreiche Crash das entscheidende Moment der 333-Millionen-Dollar-Mission. Für die Beantwortung der wissenschaftlichen Fragen kommt es dagegen auf die gewonnenen Daten und Erkenntnisse an. Und die sind nicht sonderlich spektakulär.

Eine Mischung aus Staub und Eiskörnchen wurde beim Einschlag aufgewirbelt. Die chemische Zusammensetzung der Teilchenwolke aus Mineralien, Eisen, Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und Stickstoff entspricht genau der Mischung, die sich auch nach natürlichen Ausbrüchen im Schweif eines Kometen zeigt. Seit den fünfziger Jahren werden Schweifsterne deshalb gerne als "dreckige Schneebälle" bezeichnet. Ob der fünf bis acht Kilometer dicke Kern von Tempel 1 aus dem gleichen Material besteht, ist weiterhin unklar. Kometenkerne, davon gehen die meisten Experten aus, sind eine Art kosmisches Archiv. Da sie sich die längste Zeit ihres Daseins weit außerhalb der Planetenbahnen befinden, tragen sie die von Sonneneinstrahlung weitgehend unveränderte Urmaterie in sich, aus der alle Sterne und Planeten vor über 4,5 Milliarden Jahren entstanden sind.

So wenig direkten Aufschluss Deep Impact darüber gibt, so gewagt sind die Rückschlüsse, die das Forscherteam jetzt zieht. Bis zu 30 Meter tief sei das Geschoss in Tempel 1 eingedrungen und habe einen Krater von der Größe eines Fußballfeldes gerissen. Durch und durch porös müsse der Komet deshalb sein. Wahrscheinlich bestehe er bis in die Tiefe aus Staub- und Eiskörnchen, nur locker durch die minimale Gravitation zusammengehalten. Zehn- bis zwanzigmal weicher als Pulverschnee oder Schlagsahne sei der Materienmix, so A’Hearn.