Was haben Ajatolla Chomeini und Papst Johannes Paul II., Napoleon und George Bush, auffällig viele CIA-Agenten und mehr als jeder zweite Erdenbürger gemeinsam? Eine Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori. Ähnlich wie der Malariaerreger hat sich diese Mikrobe perfekt an den Menschen angepasst und verursacht gigantische Schäden, vor allem in armen Ländern. Helicobacter ruft Magengeschwüre und Krebs hervor. Es lässt sich zwar medikamentös bekämpfen, ein Impfstoff fehlt jedoch. Die Pharmaindustrie bevorzugt das Geschäft mit den Antibiotika, die Ärzte gern gegen den Keim verschreiben.

Die Therapie ist etabliert – und erfolgreich: Napoleon müsste heute nicht mehr an Magenkrebs, der Ajatolla nicht an inneren Blutungen sterben; kein US-Präsident oder Papst muss sich mehr mit einem Geschwür des Zwölffingerdarms (Bush senior) oder des Magens (Johannes Paul II.) herumplagen. Eine siebentägige Kur mit einem Säurehemmer und zwei Antibiotika killt in 90 Prozent der Fälle den Übeltäter. Allein in den USA verursacht Helicobacter jährlich Kosten von etwa sechs Milliarden Dollar.

Erfreulich ist, dass die Zahl dieser Infektionen in Westeuropa und Nordamerika seit Jahren sinkt. Parallel dazu nehmen Geschwüre und Karzinome im Magen deutlich ab. Anlass zur Freude?

Skeptiker warnen vor einer radikalen Vernichtung des Keims. Helicobacter bilde verschiedene Stämme, einige davon könnten auch vorteilhaft sein. Die Mikroben sind dermaßen eng mit dem Menschen liiert, dass sie sogar seine historischen Wanderwege verraten. Das geht so: Die Zusammensetzung verschiedener Helicobacter -Stämme in den Mägen bestimmter Völker gleicht einem kulturellen Fingerabdruck. Der Helicobacter-Mix der Spanier und Portugiesen findet sich in Südamerika wieder. Die typische Bauchbesiedlung der Nord- und Mitteleuropäer taucht in Australien auf. Und die Indianer Nordamerikas tragen eine Mixtur aus Ostasien in sich, sie kamen also über die Beringstraße.

Für den Menschen von Vorteil könnte an dieser langen Beziehungsgeschichte sein, dass die Bakterien Magensäure reduzieren. Dies, so vermuten einige Experten, helfe womöglich gegen Sodbrennen und Speiseröhrenkrebs. Tatsächlich nehmen Helicobacter- Infektionen und Magenkarzinome in westlichen Industrieländern ab, Sodbrennen und Speiseröhrenkrebs hingegen zu. Martin Blaser von der New York University sieht hier einen Zusammenhang. Statt die Mikroben blind auszumerzen, könne man ausgesuchte Helicobacter- Varianten als gesundheitsfördernde Säureregulatoren nutzen, als "Probiotika"! Im aktuellen Heft von Spektrum der Wissenschaft verteidigt Blaser den Keim als "bedrohte Art im Magen".

Was ist denn nun die richtige Strategie – Artenschutz für eine bedrohte Spezies oder globale Ausrottung eines Massenkillers? Die Mehrheit der Ärzte rät zur Ausrottung. Am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin trafen sich in der vergangenen Woche Helicobacter- Experten aus Nordamerika, China und Europa, um über einen Impfstoff und die beste Strategie zur Vernichtung des Keims zu diskutieren. Prompt zückte auf der Pressekonferenz einer ihrer Wortführer, Peter Malfertheiner aus Magdeburg, Blasers Artikel über die "bedrohte Art" und spottete, man habe ihm den wohl auf den Schreibtisch gelegt, "um bei mir einen Herzinfarkt auszulösen".