Jürgen Trittin ist für die Versäumnisse nicht verantwortlich. Im Ringen mit seinen Ministerkollegen holte er mitunter erstaunlich viel heraus. Aber nicht so viel, dass die Ergebnisse am Ende zufriedenstellend waren. Für die muss aber allein einer geradestehen: der Umweltminister.

Das Versprechen. "Ökologische Modernisierung" – mit dieser Ankündigung gewannen Sozialdemokraten und Grüne zwei Bundestagswahlen. Der Berliner Politikforscher Martin Jänicke erfand den Begriff vor mehr als 20 Jahren. Mit grüner Politik schwarze Zahlen schreiben, das ist die Botschaft, die Jänicke mit den beiden Wörtern verbindet – und er meint, dass Rot-Grün einiges geschafft habe. Zeitweise habe es in der Wirtschaft "eine richtige Aufbruchstimmung" gegeben.

Die "größte Jobmaschine" sind laut Trittin die erneuerbaren Energien. Deren Förderung hat auch tatsächlich einen Wachstumsschub ausgelöst. Der Bau und Betrieb von Anlagen zur Erzeugung von Ökoenergie geben mittlerweile 150000 Menschen Arbeit – allerdings zulasten der Verbraucher. Fast 2,4 Milliarden Euro kostet sie dieses Jahr die staatlich verordnete Pflicht zur Abnahme des vergleichsweise teuren Ökostroms; dieses Geld fehlt Bürgern und Betrieben, um andere Produkte zu kaufen. Dem positiven Investitionseffekt steht deshalb ein negativer Budgeteffekt gegenüber. Wie viele Jobs dem unterm Strich zum Opfer fallen, ist umstritten.

Die möglichen Verluste wären leichter zu verschmerzen, hätte Rot-Grün durch Wettbewerbspolitik dämpfend auf die Entwicklung der Strompreise eingewirkt. Genau das tat die Regierung nicht. Stattdessen bildete sich auf dem Strommarkt ein Oligopol – und zwar "mit Duldung der Politik", wie Werner Marnette sagt, Chef der Norddeutschen Affinerie und bis vor kurzem Vorsitzender des BDI-Energieausschusses.

Arbeitsplätze brachte dagegen die ökologische Steuerreform. Die Bundesregierung heimste dafür sogar das Lob der OECD ein. Nach Berechnungen des DIW hat die Operation rund 250000 Jobs geschaffen oder gesichert. Zusammen mit den Effekten des Gesetzes für erneuerbare Energie macht das rund 400000 Arbeitsplätze, großzügig gerechnet.

"Umwelt macht Arbeit", lässt Trittin in einer PR-Schrift verkünden. In der Tat boomt die Biobranche, legt der sanfte Tourismus zu, gehören Car-Sharing-Initiativen zum Alltag. Wofür indes Rot-Grün kaum sorgte, sind beschäftigungswirksame Impulse zur Steigerung der Energieeffizienz. Tatsächlich hätten aber gerade die das Zeug dafür gehabt, nicht nur "mehr Umwelt", sondern auch "mehr Arbeit" zu schaffen – allein deshalb, weil Effizienz die Portemonnaies der Energienutzer per Saldo entlastet. Nach sieben Jahren Schröder sind indes ausgerechnet jene ernüchtert, die für Effizienz hätten sorgen können: die Ingenieure. Ihnen fehlten die erhofften Impulse. "Viel Ankündigung, wenig Taten", sagt Thorsten Herdan, Geschäftsführer der Sparte Power Systems im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau.

Die Umstände. Ernst Ulrich von Weizsäcker (SPD) ist womöglich kein geborener Politiker; ein kluger Kopf ist der Vorsitzende des Bundestags-Umweltausschusses allemal. Mit dem Nachtzug kommt er aus Zürich, wenige Stunden später steigt er ins Flugzeug nach Peking. Sein Rat ist weltweit gefragt – nur in den Reihen der rot-grünen Koalition war er es nicht so sehr.

Von Weizsäcker hat einen Zettel dabei. Es ist ein Diagramm, das kompliziert aussieht. Ganz oben rechts in dem Schaubild steht das Wort Finnland. Finnland ist laut Ranking des World Economic Forum die wettbewerbsfähigste Nation der Erde. Finnland belegt zudem Platz eins im ökologischen Nachhaltigkeitsindex (ESI) der US-Universitäten Yale und Columbia. Beide Rankings in einem Diagramm kombiniert, befördern Finnland nach ganz oben in die rechte Ecke: ökonomisch Spitze, ökologisch Spitze. Von Weizsäcker sagt: "Kein Mensch in Finnland kommt auf die Idee, dass das nicht so sein sollte."

Anders in Deutschland. Hierzulande, sagt von Weizsäcker, gelte die ökologische Modernisierung als grünes, als linkes Projekt – wie Multikulti, Homoehe und manches mehr, an das "die oberste Heeresleitung", sprich Schröder, nie geglaubt habe. Und das deshalb zu "unsäglichen Konflikten" innerhalb der Koalition geführt habe.

Stagnierende Reallöhne, steigende Arbeitslosigkeit, wachsende Staatsverschuldung, immense Transfers nach Ostdeutschland – die "Hintergrundstimmung" des ökonomischen Niedergangs habe ein Übriges getan und die Umweltpolitik in die Defensive gedrängt, ihr den Stempel der Wirtschaftsfeindlichkeit aufgedrückt. Nach sieben Jahren Rot-Grün ist es ein eher bescheidenes Fazit, das von Weizsäcker zieht.

Tatsächlich aber nahm fehlendes quantitatives Wachstum dem Ruf nach qualitativem Wachstum seinen Charme. Das Schicksal der Ökosteuer beweist das besser als das jedes anderen Vorhabens. Nicht weil die Erhöhung der Benzinsteuer um insgesamt 15 Cent die Autofahrer über Gebühr belastet hätte; in den Jahren vor Rot-Grün war die Mineralölsteuer stärker angehoben worden. Was nicht wie erhofft funktionierte, war der Mechanismus der Ökosteuer.

Geplant war, die Abgabe auf den umweltschädlichen Energieverbrauch schrittweise zu erhöhen, um im Gegenzug die Belastung des Faktors Arbeit zu reduzieren. Anfangs lief alles nach Plan. Als am 1. April 1999 die Ökosteuer erstmals erhoben wurde, sank der Rentenversicherungsbeitrag prompt von 20,3 auf 19,5 Prozent; Stufe zwei und drei der Ökosteuer drückten den Beitragssatz immerhin um weitere Zehntel-Prozentpunkte. Bei Stufe vier indes blieb der Beitragssatz konstant; bei Stufe fünf, im Jahr 2003, stieg er an. Die wachsende Arbeitslosigkeit hatte den Finanzbedarf der Rentenkasse dermaßen steigen lassen, dass die Beitragszahler mehr zahlen mussten – zusätzlich zum Obolus, der ihnen an den Zapfsäulen zugunsten der Rentenkasse abverlangt wurde.

Auch die von Rot-Grün beförderte Karriere des Begriffs Nachhaltigkeit ist an der ökonomischen Realität gescheitert. Den aus der Ökodebatte stammenden Begriff erkor Schröder zur Leitlinie seines gesamten Regierungshandelns, auch seiner Finanz- und Sozialpolitik. Doch das Haushaltsloch wollte einfach nicht kleiner werden, die Arbeitslosigkeit nicht sinken. "Nachhaltigkeit" wurde so zum Verliererbegriff, der auch die Umweltpolitik diskreditierte.