Hans Castorp zählt zu den wenigen echten Berühmtheiten der deutschen Literatur – seit der junge Flachländer von Thomas Mann in der dünnen Höhenluft des "Zauberbergs" ausgesetzt wurde, woselbst er sieben Jahre und 1.000 Buchseiten lang bleiben musste. Während sein Autor verwickelte Überlegungen zum Verhältnis körperlicher, seelischer und geistiger Konstitutionen anstellte, unter Berücksichtigung diverser weltanschaulicher Modelle. Am Ende des Romans zog Hans Castorp, nachdem er der bürgerlichen Tugenden, die sein Name so schön spiegelt – hanseatische Biederkeit, Mäßigkeit und Vernunft – weitgehend verlustig gegangen war, in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs; ob er sie überlebt hat, wird nicht gesagt. Thomas Mann, in seinem auktorialen Majestätenplural, bemerkte nur: "Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen." Hans Castorp hatte literarisch ausgedient.

Doch jetzt, so viele Jahrzehnte nach dem Zauberberg, erfahren wir doch noch etwas über ihn: Der polnische Autor Pawel Huelle enthüllt in seinem neuesten Roman, was Hans Castorp tat und wie er war, bevor er die Feuchtigkeit seiner Lunge der trockenen Höhenluft Thomas Manns aussetzte; damals, als er die "vier Semester Studienzeit am Danziger Polytechnikum hinter sich" brachte, von denen im Zauberberg einmal en passant die Rede ist.

Die Gepflogenheit, die Geschichte vor der bekannten Geschichte zu erzählen, ist eigentlich nur im Film üblich und dient dazu, die Neugier des zahlenden Publikums auf das Vorleben bekannter Helden zu befriedigen.

Im Falle Hans Castorps ist es allerdings die Frage, ob sich das Publikum für sein Vorleben, das Thomas Mann zufolge von geradezu musterhafter Biederkeit und Harmlosigkeit gewesen sein muss, je interessiert hat. Außerdem möchte man Pawel Huelle nicht unterstellen, er habe sich auf das Trittbrett eines vor achtzig Jahren abgefahrenen Zuges schwingen wollen.

Was aber wollte er dann? Sein Roman beginnt damit, dass ein älterer Herr (Konsul Tienappel) seinem Neffen (Hans Castorp) ein Studium in Danzig auszureden versucht. Für den "Osten" hat Onkel Tienappel nicht viel übrig, und überhaupt solle man "Situationen meiden, in denen die mühsam erarbeiteten Formen im Chaos versinken könnten". Das klingt schon nicht schlecht nach Thomas Mann, allerdings weniger nach Konsul Tienappel als nach dem höchst abendländischen Humanisten Settembrini. Und es zeigt auch, was Pawel Huelle mit seinem Prequel im Sinn hat: die Auseinandersetzung mit dem Blick der Deutschen auf "ihren" Osten, ihr Kolonialgebiet, das alte Ordensritterland im Allgemeinen; und auf die alte Hansestadt Danzig im Besonderen, wo Huelle lebt und über das er bislang in jedem seiner Bücher geschrieben hat.

Der junge Castorp also reist nach Danzig und sitzt auf dem Schiff mit einem Holländer am Tisch, der von einem ebenso ungeheuren Appetit getrieben ist wie der Mynheer Peeperkorn aus dem Zauberberg; außerdem ist ein Pfarrer dabei, dessen Ähnlichkeit mit Thomas Manns jesuitischem Naphta nicht ganz zufällig sein kann.

Die endlosen Grundsatzgespräche, in die Hans Castorp mit den Herren Naphta und Settembrini verwickelt wurde und die von den meisten Zauberberg- Lesern irgendwann überschlagen werden, gibt es bei Huelle auch; doch hier haben sie ein eher auf unsere zeitgenössischen Lesegewohnheiten zugeschnittenes Flachland-Format. Geredet wird ohne Weitschweifigkeit, aber nicht minder grundsätzlich, über Kolonialismus, Religion, Nation und deutsche Kultur.

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