Die Passagiere haben die Gehörgänge mit Ohropax verstopft. Man brüllt sich die Worte zu. Die Maschine der norwegischen Fluggesellschaft Lufttransport kämpft sich mit zwei Propellern blind durch den Raum über Spitzbergen. Böen schütteln sie wie ein Spielzeug, sie sackt in ein Windloch. Plötzlich segelt das Flugzeug unter der Wolkendecke durch klare Polarluft. Als hätte einer den Fernseher angedreht, erfassen die zuvor ins Leere lugenden Augen plötzlich einen Fjord, aschgraues Wasser, braunes Gebirge.

"Der Midre Lovénbreen! Dort! Das ist unser Gletscher!", schreit Birgit Sattler und strahlt und fuchtelt mit der Hand vor der Sichtluke herum. Sie ist Limnologin, Universität Innsbruck. Nicht zum ersten Mal hier. Neben ihr, nur unwesentlich kühler, der Schwedenbrasilianer Alexander Anesio von der walisischen Universität Aberystwyth. Gemeinsam werden sie in den folgenden Wochen Wasser- und Eisproben sammeln und darin nach Extremophilen fahnden, den Überlebenskünstlern unter den Organismen. "Du wirst sehen, im Gletscher wimmelt es von Viren und Bakterien", sagt Birgit.

Ein Holländer mischt sich ein. "Meine Forschungsobjekte bekommst du früher zu Gesicht, gleich nach der Landung", sagt Daan Vreugdenhill. Seine Hand fuchtelt ungefähr in Flugrichtung, nach Westen. Einöde aus Stein und Eis ist zu erkennen und ein Schimmer Vegetation. Dann plötzlich bunte Häuser, eine Landebahn, eine riesige Antennenschüssel. "Ny Ålesund!", brüllt Daan etwas zu nah an meinem Ohr. Der Zoologe von der Universität Groningen wird rund um die Siedlung täglich die Nonnengänse und ihre Küken zählen; er ist Spezialist für arktisches Geflügel. Phil Porter, der vor ihm sitzt, ist aus einem ganz anderen Grund hier. Der Geograf von der englischen Universität Hertfordshire berechnet Massenbilanzen von Gletschern. Hinter dem Piloten hockt ein Amerikaner; Ross Powell ist auf Sedimente fokussiert. Ich drehe mich zu meinem Hintermann um. Und du? "Blattläuse", sagt Maurice Hullé, der Franzose aus Rennes.

Der Entdecker von Spitzbergen war auf der Suche nach China

Der Pilot dreht eine Schleife. Am Horizont tauchen die schneebedeckten spitzen Anhöhen auf, die dem Archipel den Namen gegeben haben. Seitenwind stellt das Flugzeug noch drei-, viermal quer. Dann landen wir auf der Piste mit den geografischen Koordinaten N 78°55´/E 11°56´. Zum Nordpol sind es von hier aus nur noch gut tausend Kilometer. Keine Siedlung so weit im Norden der Erde ist ganzjährig bewohnt. Ny Ålesund – 30 Seelen im Winter, 130 im Sommer – heißt uns mit Nieselregen willkommen.

Das Nest am Rand der Welt dient einem einzigen Zweck. Wer hier ankommt, ist in fast jedem Fall ein Wissenschaftler. Umgeben von einer Eiszeitwelt aus Geröll und Gletschern, ist die Siedlung am Königsfjord zu einem der wichtigsten Atmosphären- und Klimaforschungsstützpunkte geworden: Seit 1988 messen die Norweger hier, fast unbeeinträchtigt von zivilisatorischen Störquellen, rund um die Uhr den CO2-Gehalt der Luft. Sie liefern den Klimamodellierern exakte Indizien für die drastische Zunahme der Kohlendioxidmengen in der Atmosphäre. Die Messungen auf dem Zeppelinberg belegen: Die CO2-Werte sind höher als je zuvor in 400000 Jahren.

In den Monaten mit Licht tauchen hier auch Meeresbiologen auf, Ornithologen, Glaziologen, Geologen und Geophysiker. Dass es mehr zu ergründen gibt als die Beschaffenheit von Schnee, verdankt die zu Norwegen gehörende Inselgruppe in der Barentssee dem Golfstrom. Die atlantische Wärmepumpe taut im Juni das Eis weg. In der Tundra grünen Moose und Gräser. Das Leben feiert sein Fest, vier kurze Monate lang. Bis September ist Hochsaison. Und wenn die Sonne sich am 28. Oktober für dreieinhalb Monate hinter den Horizont verkrümelt und die Temperatur ins Unfreundliche sinkt, dann ergründen die Chinesen Aurora, das Polarlicht.

In Ny Ålesund gibt es auch ein Hotel. Doch im Nordpolhotellet findet man keinen Touristen. In dieser Siedlung nächtigt nur, wer forscht, Angestellter oder persönlicher Gast ist. Selten mischt sich unter die Bevölkerung ein Häufchen Politiker. Dann weiß man: Im Dorf wird eine Station eröffnet. Als bislang Letzte richteten sich 2001 die Franzosen, 2002 die Südkoreaner und 2004 die Chinesen in Ny Ålesund ein. In diesem Jahr eröffnete der norwegische Premierminister direkt am Hafen das Arctic Marine Laboratory, ein hochmodernes internationales Meeresforschungsinstitut.