Zwei Rehe, 1907

bläuliches Fabeltier, 1913

Die nach wie vor steigenden Kunstmarktpreise für Werke des deutschen Expressionismus haben der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Künstlern jener Epoche häufig nicht gut getan. Alexej Jawlensky stand erst vor wenigen Jahren im Mittelpunkt eines Fälschungsskandals, in dem das Essener Folkwang-Museum und die Familie des Künstlers durchaus unrühmliche Rollen spielten. Vor allem der jüngste Band seines Werkverzeichnisses steckt voller zweifelhafter Zuschreibungen und erwiesener Fälschungen. Fragwürdige Kandinsky-Werke kommen aus russischen Quellen, und die Zuschreibungspraxis eines angesehenen Nolde-Experten war schon Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen. Franz Marc hat mehr Glück gehabt. Obwohl auch seine Gemälde, Zeichnungen und die weniger bekannten Skulpturen seit langem Höchstpreise erzielen, sind bislang keine dramatischen Authentizitätsdebatten bekannt geworden.

Der Umstand mag darauf zurückzuführen sein, dass ein erstes Verzeichnis seiner Werke schon 1936 erscheinen konnte, das gesicherte, weil auf den Nachlass zurückzuführende Œuvre war damit schon früh dokumentiert. Der Großteil der Auflage jener Monografie von Alois J. Schardt, der direkten Zugriff auf die Werklisten von Franz Marc und seiner Witwe Maria hatte, wurde allerdings schon bald wieder eingestampft: Franz Marc galt der nationalsozialistischen Kunstpolitik als "entartet". In der Propagandaausstellung "Entartete Kunst" wurden die Werke Marcs 1937 nur deshalb wieder abgehängt, weil der Offiziersbund protestiert hatte: Franz Marc war als einer der Seinen 1916 im Ersten Weltkrieg bei einem Erkundungsritt in der Nähe von Verdun von einem Granatsplitter tödlich getroffen worden. 1970 erschien ein zweiter Catalogue Raisonné von Klaus Lankheit, der sich ebenfalls als nicht vollständig erwies. So war die Notwendigkeit einer weiteren Überarbeitung seit langem bekannt.

Erschienen ist inzwischen weit mehr als nur eine revidierte Fassung von Schardt oder Lankheit. Annegret Hoberg und Isabelle Jansen, Kuratorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Städtischen Galerie im Münchner Lenbachhaus, haben bereits im vergangenen Jahr den ersten Teil des neuen Werkverzeichnisses herausgegeben. Nach den Gemälden ist nun der zweite Band erschienen. Er widmet sich den Arbeiten auf Papier, den kunsthandwerklichen Arbeiten und den Plastiken. Die beiden Herausgeberinnen haben außerordentliche Arbeit geleistet.

Der erneut vom C. H. Beck Verlag hervorragend edierte Band dokumentiert 261 Zeichnungen und Aquarelle, 94 Postkarten, 8 Glasbilder, 17 kunstgewerbliche Entwürfe auf Papier, 11 kunsthandwerkliche Arbeiten – darunter einen bemalten Schrank und einen Mörser aus Messing – 9 Stickereien und 15 plastische Arbeiten. Ein Anhang führt 7 Aquarelle und Zeichnungen auf, die fortan nicht mehr als eigenhändig betrachtet werden können. Während diese Abschreibungen von den Autorinnen und dem ihnen zur Seite stehenden achtköpfigen Kuratorium einstimmig entschieden wurden, kam es bei einer der zahlreichen Neuaufnahmen zu einem Mehrheitsentscheid: Der Echtheit einer Landschaft mit drei Pferden aus dem Jahr 1913, die trotz des rückseitig zu findenden angeblichen Besitzerstempels von Alfred Kubin weder Schardt noch Lankheit in ihre Werkkataloge aufnehmen wollten und die erstmals 1954 in einer New Yorker Galerie-Ausstellung zu sehen war, mochten auch diesmal nicht alle Experten zustimmen. Die ansonsten allen wissenschaftlichen Anforderungen entsprechenden Katalogisierungen zeigen in den Provenienzen und Ausstellungsverzeichnissen, dass zahlreiche Arbeiten seit den vierziger Jahren nicht mehr öffentlich zu sehen waren. Das neue Werkverzeichnis bildet viele davon nun zum ersten Mal in Farbe ab.

Ein zeitgleich bei Hatje Cantz erschienener Dokumentenband versammelt zusätzlich gut zwei Dutzend Dokumente, die trotz intensiver Forschungstätigkeit vor allem nach der großen Marc-Ausstellung 1980 in München unveröffentlicht geblieben sind: Postkarten von Alfred Flechtheim und Paul Klee, ein 48-seitiges Heft mit Notizen zu einer Farbenlehre und Briefe und Gedichte von Else Lasker-Schüler, die im Zusammenhang mit jenen bezaubernd-poetischen Postkarten zu lesen sind, die Franz Marc als "Blauer Reiter" an die Dichterin als den "Prinzen Jussuf" sandte.

Alle Dokumente, die die Kunsthistorikerin Cathrin Klingsöhr-Lorey mit einigen ärgerlichen Ausnahmen fehlerfrei (Flechtheim besaß von van Gogh keinen "Näher", sondern "Mäher", Campendonk erwähnt den Frankfurter Händler und Sammler Ludwig Schames, nicht Schamer, und Hellmuth Macke meldet sich von der Front in Perthes-les-Hurlus, dem Sterbeort seines Cousins August Macke, nicht aus Parthes) transkribiert und klug kommentiert hat, stammen aus dem Franz-Marc-Museum im oberbayerischen Kochel. Dass sie erst jetzt zum Vorschein kommen, hängt offenbar mit einem Disput zwischen den Erben von Maria Marc und denen ihres Nachlassverwalters Otto Stangl zusammen, wie dem Vorwort zum zweiten Band des Werkverzeichnisses zu entnehmen ist: "Schließlich scheint es nicht überflüssig", heißt es da, "die Benutzer des Werkverzeichnisses davon zu verständigen, dass die 1985 von Herrn Otto Stangl, den beiden Erben nach Maria Marc und der Gemeinde Kochel am See errichtete Franz Marc Stiftung ihre Entstehung zu einem wesentlichen Teil auch der Initiative der Erben nach Maria Marc verdankt."