DIE ZEIT: Mister Wolfe, uns fällt auf, dass in Ihrer Wohnung mehrere Drucke der Satirezeitschrift Simplicissimus hängen.

Tom Wolfe: Ich bin ein Fan des Simplicissimus der zwanziger und dreißiger Jahre, die Zeichner waren großartig, dieser Strich, dieser messerscharfe Humor, besonders von Olaf Gulbransson, einem Schweden, der am Tegernsee lebte. Sehen Sie mal, ich habe ein Buch über die Arbeiten der Künstler im Regal, Sie können am abgegriffenen Umschlag erkennen, wie oft ich darin gelesen habe. Der Simplicissimus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erneut gegründet, aber das hatte nichts mehr mit der alten Qualität zu tun.

ZEIT: Uns überrascht auch, dass auf Ihrem Couchtisch eine bronzene Mao-Figur steht, ausgerechnet bei einem Konservativen wie Ihnen?

Wolfe: Ich weiß nicht, ob sie bronzen ist, aber sie ist jedenfalls schwer. Eine Assistentin brachte sie aus China mit. Vielleicht glaubt sie, dass mir ein wenig von Maos Einfluss gut tun würde.

Tom Wolfes Stadtwohnung in New York liegt in der 79.Straße, nur ein paar Schritte vom Central Park entfernt, beste Lage, im 14. Stock. Unten ein Doorman, oben empfängt uns eine Haushälterin und bietet Wasser an. Dann Auftritt Tom Wolfe: der berühmte cremefarbene Anzug, schwarz-weiße Schuhe, hellblaues Hemd mit weißer Krawatte, unter den Hosen weiße Kniestrümpfe.

ZEIT: Sie gelten als Gesellschaftsanalytiker, der es liebt, die Linke zu provozieren. Wer sind aus Ihrer Sicht heute die Mächtigen in den USA?

Wolfe: Wenn Sie nach Individuen fragen, muss ich Ihnen antworten: Es gibt keine mehr. Das Wall Street Journal hat gerade berichtet, dass die Reichen in New Orleans die Flut besser überstanden, weil sie auf Anhöhen leben und einige von ihnen sich sogar israelische Bodyguards leisten können, um ihre Häuser zu schützen. Das mag alles stimmen, aber der Artikel hinterlässt fälschlicherweise den Eindruck, dass in Wirklichkeit ein paar reiche Familien alles kontrollieren, trotz eines schwarzen Bürgermeisters.

ZEIT: Sie glauben, das stimmt nicht?

Wolfe: Die Zeiten von Henry Ford sind vorbei, als einzelne Figuren fast alles bestimmen konnten. Leuten wie Ford war die Öffentlichkeit egal – das ist längst unvorstellbar. Heute stecken alle in globalen Abhängigkeiten, Firmen operieren weltweit und sind an der Börse. Natürlich verteilen die wohlhabenden Familien immer noch viel Geld an die Politik, aber ihr Einfluss sinkt.

ZEIT: Die Flut von New Orleans hat in Amerika eine Debatte über die unterschiedliche Behandlung von Schwarzen und Weißen ausgelöst.

Wolfe: Die Wiedergabe von Klischees spielt in dieser Debatte seit Jahrzehnten eine entscheidende Rolle. Ende der fünfziger Jahre fing ich an, bei der Washington Post zu arbeiten, und die einzigen Reportagen, die sich mit Schwarzen beschäftigten, waren Geschichten über Armut und Verbrechen. Dabei gab es einen gar nicht so kleinen schwarzen Mittelstand in Washington. Der existierte gar nicht in der Zeitung! Niemand schrieb darüber! Ich will mich bei diesem Thema abseits der Klischees bewegen. Eine der Figuren in meinem Roman Ein ganzer Kerl ist ein schwarzer Anwalt, der hin und her gerissen ist zwischen den Interessen seiner Leute und seinen eigenen Interessen als Geschäftsmann.

ZEIT: In der Berichterstattung über New Orleans wurden Schwarze oft als Opfer dargestellt.

Wolfe: Lassen Sie mich etwas Grundsätzliches sagen. Was mit New Orleans passiert ist, ist bisher so nur mit Pompeji geschehen: Eine Stadt wird von einer Naturkatastrophe vollkommen zerstört. Außerdem kam die Flut ganz langsam über die Stadt. Es war kein Tsunami, der alles wegspülte. Es war wie eine Badewanne, die mit einem Stöpsel abgedichtet ist. Langsam läuft Wasser hinein, lange können Sie nichts entdecken. Und dann – boom! – ist die Katastrophe da.

ZEIT:George W. Bush ließ sich zunächst über das Krisengebiet fliegen – nicht gerade einfühlsam.

Wolfe: Oh, er ist aber irgendwann wieder gelandet! Was hätte er tun sollen? Gar nicht aufkreuzen? Sich in die Stadt bewegen, in dem Zustand, in dem sie sich befand? Das wäre unmöglich gewesen. Ich halte die Kritik an Bush für irrelevant. New Orleans ist kein Skandal.

ZEIT: Viele vertreten die These, dass Bush schneller eingegriffen hätte, wenn New Orleans vor allem von Weißen bewohnt wäre.

Wolfe: Der Bürgermeister von New Orleans ist ein Schwarzer, der Polizeichef ist ein Schwarzer, die meisten Polizisten und Feuerwehrleute sind Schwarze – ganz einfach, weil der größte Teil der Bevölkerung schwarz ist. Dasselbe passierte in Miami mit den Kubanern. Innerhalb einer halben Generation übernahmen sie viele Ämter und Positionen. Das geht nur in diesem Land und nirgendwo sonst auf der Welt. Wenn eine Gruppe groß genug ist, hat sie früher oder später politischen Einfluss. Eine Frage: Wie viele Türken sitzen im Deutschen Bundestag? Wie viele Algerier sitzen im Pariser Stadtparlament?

ZEIT: Sie zeichnen ein rosarotes Bild der USA.

Wolfe: Nennen Sie mich ruhig einen Chauvinisten, Gentlemen!

ZEIT: Von Deutschland aus betrachtet, waren die Auseinandersetzungen auf den Straßen von New Orleans erschreckend.

Wolfe: Welche Auseinandersetzungen? Es kam zu Kämpfen und Plünderungen, aber nach ein paar Tagen hatte sich die Lage wieder beruhigt. Für eine Katastrophe dieses Ausmaßes ist das keine sehr überraschende Bilanz.

ZEIT: Wir sahen das arme Amerika, das vom reichen Amerika im Stich gelassen wurde.

Wolfe: Okay, wir nähern uns der Sache. Als ich für das Buch Ein ganzer Kerl in Atlanta recherchierte, machte ich eine überraschende Feststellung: Die reichen weißen Bewohner lebten auf Hügeln, während die armen Schwarzen weiter unten lebten. Nun hat Atlanta keinen großen Fluss, der überlaufen könnte, und die Stadt liegt 400 Meilen von der Küste entfernt, was also war der Grund dafür? Nun, auf der Höhe von etwa 450 Metern, wo die teuerste Wohngegend liegt, kann man Eichen und Ahornbäume anbauen, während weiter unten lediglich Pinien das heiße Klima überleben.

ZEIT: Also doch: Schwarz unten, weiß oben?

Wolfe: Wir müssen genauer hinsehen. Ich habe gerade einen Roman zu Ende gelesen, der um 1900 in New York spielt. Der Autor ging in die Slums der Lower Eastside. Die Menschen dort bildeten das untere Ende der Gesellschaft, sie waren die Ärmsten der Armen. Die meisten waren Iren, es gab auch Deutsche. Heute leben dort vor allem Lateinamerikaner, Kambodschaner und Thais, und auch sie werden als der Bodensatz der Gesellschaft beschrieben. Was ich sagen will: New Orleans ist kein schwarzes Problem, es ist ein ökonomisches Problem. Es hat nichts mit Rassismus, sondern mit Armut zu tun. Vor hundert Jahren waren die weißen Iren ganz unten, heute sind es viele Schwarze und Latinos. Das ist das eigentliche Drama: Die Armen sind nicht viel wert in unserer Gesellschaft, egal, welche Farbe ihre Haut hat. Sie können Amerika nur über Klassen verstehen, nicht über Hautfarben.

ZEIT: Ein anderes Thema, das in Ihrem neuen Roman behandelt wird, ist die Evolutionstheorie von Charles Darwin. Die Debatte ist in den USA gerade wieder neu entbrannt.

Wolfe: Darwin war klüger als die Darwinisten. Wenn Sie sein Buch lesen, erklärt er Ihnen am Ende: Bitte fragen Sie mich nicht, woher der erste Impuls kommt für eine Zelle, die sich teilt. Ich habe keine Ahnung! Seid doch zufrieden, dass ich die Evolution erklärt habe! Die Darwinisten glauben, dass er den Anfang allen Lebens erklärt.

ZEIT: Sie glauben doch nicht etwa der anderen Seite? Die behauptet, dass Gott den Menschen aus Schlamm geschaffen habe.

Wolfe: Natürlich nicht, aber beide Seiten machen es sich zu einfach! Die meisten Darwinisten sind Intellektuelle, und ich möchte Wert auf eine Unterscheidung legen. Menschen, die eine intellektuelle Leistung vollbringen, unterscheiden sich von so genannten Intellektuellen.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Wolfe: Das beste Beispiel ist Noam Chomsky. Als Chomsky ein Linguist war und die Sprachwissenschaften neu definierte, galt er nicht als Intellektueller. Erst als er den Krieg in Vietnam analysierte, wurde er zum führenden Intellektuellen Amerikas ernannt. Ein so genannter Intellektueller ist jemand, der sich auf einem Gebiet sehr gut auskennt – und sich zu anderen Gebieten äußert. Chomsky hatte keinen Schimmer von Vietnam.

ZEIT: Für Ihren Roman Ich bin Charlotte Simmons haben Sie sich in das Leben amerikanischer Elite-Universitäten gestürzt.

Wolfe: Die Idee zu Charlotte Simmons hatte ich, als ich Ein ganzer Kerl schrieb. Es war eine furchtbare Zeit. Ich habe für das Buch elf Jahre gebraucht, elf Jahre! Meine Kinder wuchsen auf mit einem Vater, der jeden Tag an einem Buch schrieb, das offenbar nie fertig wurde.

ZEIT: Sie reisten dafür auch nach Japan.

Wolfe: Ja, und ich habe nichts, aber auch gar nichts davon für das Buch gebrauchen können. Ich hatte mir ein wahnsinniges Ziel gesetzt: Ich wollte die ganze Welt in ein Buch packen!

ZEIT: Nicht gerade sehr bescheiden.

Wolfe: Ich hatte einmal etwas noch Verrückteres vor. Ich wollte ein Buch mit dem Titel 1000 Jahre in 98 Seiten schreiben.

ZEIT: Ausgerechnet Sie! Ihre Bücher sind 700, 800 Seiten lang!

Wolfe: Zuerst sollten es 100 Seiten werden, aber ich dachte, hey, 98 wären noch kürzer. Ich wollte alles vom Jahre 1000 bis heute erklären. Nun ja, ich habe die Arbeit nie abgeschlossen.

ZEIT: Dort drüben sehen wir Ihren Schreibtisch. Liegen dort viele unveröffentlichte Manuskripte?

Wolfe: Um ehrlich zu sein: nein. Nach großen Kriegen wurde oft in Häusern großer Schriftsteller nach unveröffentlichten Texten geforscht – aber da war nichts! Das ist das wahre Geheimnis der unveröffentlichten Schätze. Sie existieren nicht.

ZEIT: Kommen wir noch einmal zurück zu Ich bin Charlotte Simmons .

Wolfe: Als ich beim Kerl nicht vorwärts kam, hörte ich Geschichten über den Unialltag und wunderte mich, warum niemand darüber schrieb. Also beschloss ich, den Kerl beiseite zu legen und einen Roman über die Unis anzufangen. Am Ende habe ich Ein ganzer Kerl doch zuerst fertig gestellt.

ZEIT: Sie haben die Unipartys besucht, die Sie beschreiben, mit Spontansex und Drogen? Sie im weißen Anzug unter den Jugendlichen?

Wolfe: Ich gestehe, dass ich nicht einen kompletten weißen Anzug getragen habe, ich trug Hosen mit einem bequemen Blazer. Aber ich fürchte, es war egal, was ich trug – als Student wäre ich ohnehin nicht durchgegangen. Ich war offensichtlich zu alt, um ein Drogenkontrolleur zu sein. Die Studenten wussten: Der alte Typ schreibt einen Roman. Ich hatte das Gefühl, dass sie Lust hatten, einem Erwachsenen mal all jene Geschichten zu erzählen, die sie ihren Eltern verschweigen mussten.

ZEIT: Machen Sie sich Notizen zu den Gesprächen?

Wolfe: Nein, ich schreibe alles auf, was ich gehört und gesehen habe, bevor ich schlafen gehe.

ZEIT: Sie benutzen keinen Computer.

Wolfe: Ich habe es versucht, aber einem alten Kerl können Sie das nicht mehr beibringen. Diese elektrischen Geräte treiben mich in den Wahnsinn. Irgendetwas hängt oder verzögert sich. Ich saß vor dem Bildschirm und fauchte den Computer an: Okay, ich bin so weit! Was ist mit dir?

ZEIT: Wie lange haben Sie für den ersten Satz in Charlotte Simmons gebraucht?

Wolfe: Nicht besonders lang. Sie fallen mir immer sehr leicht. Ich wusste ja, was ich wollte: Mit der Toilettenszene während einer Studentenparty wollte ich deutlich machen, dass spontaner Sex mit wechselnden Partnern dort zum Alltag gehört wie Zähneputzen. Im nächsten Kapitel beschreibe ich die unschuldige, kluge Charlotte, die bald dort studieren wird und nicht weiß, was sie erwartet.

ZEIT: Haben Sie ein Konzept, bevor Sie anfangen?

Wolfe: Ja, ein ziemlich gründliches. Ich beziehe mich oft auf den französischen Schriftsteller Emile Zola, nicht weil ich mich mit ihm auf eine Stufe stellen will, sondern weil ich ähnlich arbeite. Zola wusste, was er wollte. Stendhal hingegen nicht, der schrieb drauflos – und wie brillant er das tat! Zola veröffentlichte Fortsetzungsromane, aber er war nie Formschwankungen unterworfen wie zum Beispiel Charles Dickens. Bei Dickens spüren Sie manchmal, wie er denkt: Mein Gott, es ist erst Mittwoch! Ich wünschte, es wäre schon Freitag! So schreibt Dickens weiter wie ein müder Fabrikarbeiter. Bei Zola gibt es das nicht! Er ist so präzise. In der englischen Übersetzung ist jedes erste Kapitel seiner Bücher genau 27 Seiten lang. Dann schlagen Sie Seite 54 auf – und sind am Anfang des dritten Kapitels. Beeindruckend!

ZEIT: Finden Sie das nicht übertrieben?

Wolfe: Im Gegenteil. Für mein Buch Die Helden der Nation über die Raumfahrer der Mercury-Missionen war mein Konzept 300 Seiten lang, und es bezog sich auf viele Zitate meiner Notizen, sonst wäre es noch gigantischer ausgefallen. Das fertige Buch war nicht wesentlich länger! Überhaupt meine Notizen: Mir gelingt es nie, sie auf Papier mit derselben Größe zu schreiben. Also nummeriere ich sie am Ende durch und jage sie alle durch den Kopierer, damit wenigstens die Größe stimmt.

ZEIT: Sie haben lange als Journalist gearbeitet. Was fällt Ihnen leichter: Sachbücher oder Romane?

Wolfe: Als 1987 mein erster Roman Fegefeuer der Eitelkeiten erschien, war ich bereits 57 Jahre alt, der Erfolg kam für mich überraschend.

ZEIT: Sie haben bereits 1973 den New Journalism ausgerufen, die Verbindung zwischen Journalismus und literarischem Stil.

Wolfe: Ich habe das gepredigt, ja! Dabei war der New Journalism gar nichts Neues. Vor dem Zweiten Weltkrieg haben viele amerikanische Schriftsteller so gearbeitet, John Steinbeck oder John Dos Passos. Früher nannte man das New Realism. Mein New Journalism ist davon abgeleitet. Stopp, ich sollte Ihnen das gar nicht sagen. Wenn man etwas Neues in die Welt setzt, das gar nicht so neu ist, sollte man besser früh sterben. Am Ende plaudert man ja doch alles aus.

ZEIT: Sie haben Amerika einmal als "grellen und gleichzeitig gespenstischen Karneval" beschrieben.

Wolfe: Eine meiner ersten Reportagen schrieb ich über Las Vegas. Die Stadt war von ungebildeten Gangstern erbaut worden! Analphabeten! Ich kenne keinen großen Ort der Welt, der von dummen Menschen erbaut worden ist. Er ist ein Erfolg! Wenn man so etwas entdecken kann, warum schreibt man schreckliche psychologische Familienromane über ein Abendbrot vor dreißig Jahren?

ZEIT: Die Los Angeles Times hat gemeldet, dass Sie wieder ein Buch über die Wall Street schreiben.

Wolfe: Ich erzählte einem Journalisten von den Wall-Street-Typen, die heute viel reicher sind als in den Achtzigern, als ich Fegefeuer schrieb. Aber diese Typen ziehen am liebsten Jeans und Lederjacken an, die sind anders! Ich erzählte das dem Journalisten, der verdrehte es zu einer Meldung. Nein, ich kehre nicht zur Wall Street zurück. Mehr will ich nicht erzählen von dem nächsten Buch.

ZEIT: Wie beurteilen Sie den Journalismus in Amerika heute?

Wolfe: Er ist in einem außerordentlich schlechten Zustand, und niemand kann etwas dafür. Jetzt, da Karl Marx’ Ruf zerstört ist, stellt sich heraus: Er hatte Recht! Die Zeitungslandschaft besteht nur noch aus lokalen Monopolstellungen, mit zwei oder drei Ausnahmen. Es gibt keinen Wettbewerb, also sinkt die Qualität. Ich weiß, was das heißt: Meinen ersten Job hatte ich in Springfield. Dort gab derselbe Verlag die einzigen zwei Blätter heraus, die Morgenzeitung war republikanisch, die Abendzeitung demokratisch. Sie können sich vorstellen, was das bedeutet. Heute ist Springfield überall.

ZEIT: Sie galten lange als Kritiker der New York Times, die eine Art Monopol besitzt.

Wolfe: Da hat sich vieles getan. Sie haben durchgeknallte Kommentatoren, aber sie pflegen die Reportage. Sie haben verstanden, dass Zeitungen Tagesmagazine sein müssen, weil sie mit der Geschwindigkeit des Fernsehens nicht mithalten können. Die Times ist nicht mehr so spießig wie früher. Eine Geschichte für Charlotte Simmons habe ich ihr geklaut: dass viele Frauen ihr Schamhaar rasieren, man nennt das Brazilian cut. Zuerst schüttelte ich den Kopf, interessant fand ich es doch. Natürlich habe ich das in meinem Roman kritisiert, es galt ja: "Ich bin Charlotte Simmons"!

ZEIT: Irgendwann verliert die schüchterne Charlotte ihre Unschuld – mit einem der Stars an der Uni. Fiel es Ihnen schwer, diese Sexszene zu beschreiben?

Wolfe: Falls sie funktioniert, und ich betone: falls, dann stimmt meine Theorie, dass unser gesamtes Verhalten, sogar, wie wir Sex haben, vom Statusdenken bestimmt wird.

ZEIT: Charlotte führt während der Sexszene einen inneren Monolog: Sehe ich gut aus? Bewege ich mich richtig? Gut, dass ich keinen Hüftspeck habe.

Wolfe: Ich wollte zeigen, dass wir gerade in den angeblichen Momenten der Unschuld geprägt sind von den Rollen, die die Gesellschaft vorgibt.

ZEIT: Ist das nicht ein sehr männlicher Standpunkt?

Wolfe: Ich wurde für den Roman heftig kritisiert wegen allem Möglichen, aber diese Sexszene kam ziemlich gut weg. Darauf bin ich schon stolz.

Unsere Zeit ist um. Tom Wolfe zeigt seinen Schreibtisch, dessen Lampen seinen berühmten cremefarbenen Hüten nachempfunden sind. An der Wand hängt ein Ölporträt des Schriftstellers. Auf dem Schreibtisch stehen Erstausgaben all seiner Bücher. Er begleitet uns zum Fahrstuhl. Eine letzte Frage.

ZEIT: Mister Wolfe, Charlotte Simmons liest begeistert Michel Houellebecq…

Wolfe: …ich finde ihn großartig! Besonders der Schluss in Elementarteilchen! Was für eine grandiose Science-Fiction: Die gesamte Menschheit besteht nur noch aus Klonen.

ZEIT: Würden Sie sich gerne klonen lassen?

Wolfe: Ach, lieber nicht, dann müsste ich viel zu viel Zeit mit diesem Typ verbringen.

Das Gespräch führten Christoph Amend und Stephan Lebert

* Tom Wolfes Roman "Ich bin Charlotte Simmons" erscheint in den nächsten Tagen im Blessing Verlag. Am nächsten Montag tritt Wolfe auf der Buchmesse Lit.Cologne in Köln auf