Berlin. Draußen vor der Tür landen die Krähen. Sie trippeln bedächtig die Glaswand entlang, sehen sich um, wählen ein Ziel und heben ab. Von hier aus, vom Dach des Bundeskanzleramts, haben sie reichliche Auswahl für ihre Streifzüge.

Und Ruhe. Niemand scheucht sie auf. Der Mann hinter der Glasschiebetür tritt selten nach draußen. Er sitzt drinnen und genießt für einen Moment die Stille. Die Welt, aus dieser friedlichen Perspektive betrachtet, ist ziemlich in Ordnung. Gerhard Schröder, 24 Stunden nach dem Wahltag und dessen Hektik, ist zufrieden. Hinter ihm liegt "die schwerste Zeit meines Lebens". Und eine turbulente Nacht.

Nicht dass die spurlos an ihm vorübergegangen wäre. Der Puls ist jetzt zwar ruhig und die Spannung raus. Der Motor läuft auf Normaltemperatur. Aber am Abend davor war das anders. Seinen Auftritt in der "Elefantenrunde" des Fernsehens würde der Kanzler gern rasch wieder vergessen, am liebsten auch aus der kollektiven Erinnerung löschen. Oh, oh, stöhnt er, wenn man nach dem Urteil von Ehefrau Doris fragt. Sie war offenbar strenger mit ihm, als seine Bemerkung aus der Wahlnacht, sie habe seinen Auftritt als "ein bisschen zu krawallig" kritisiert, es wiedergibt.

Schröders TV-Auftritt am Wahlabend – "War nicht gut, ich weiß", sagt er

So schnell, wie er’s sich wünscht, "versendet" sich so etwas nicht. Am Montag ist Schröders Auftritt das Tagesgespräch aller politisch interessierten Bürger. So schnell werden sie nicht vergessen, wie da einer seiner eigenen Gefühlswallungen nicht Herr wurde. Kein Alkohol, wird glaubwürdig versichert, nicht nur von ihm. Aber ob es Endorphine allein waren oder obendrauf doch ein Glas Champagner, so oder so war es nicht Schröders starke Stunde. Ein suboptimaler Auftritt, gelinde ausgedrückt. Genau, sagt er amüsiert, das ist das Wort: "Suboptimal". So lassen die kleinen nagenden Gewissensbisse sich leichter ertragen. "War nicht gut, ich weiß." Können wir jetzt davon aufhören?

Andererseits, es mag ungeschickt gewesen sein, sagt er, aber "es war ehrlich". Im Fernsehen könne man nicht lügen, die Leute merkten das. Und sein Auftritt in ZDF und ARD war nun mal eine unverhohlene Reaktion darauf, was er in den Monaten seit der Ankündigung von Neuwahlen am 22. Mai als Medienkampagne gegen sich, gegen Rot-Grün und seine Partei erlebt habe. Und der Machtanspruch, den er in der TV-Runde zwar patzig vorgetragen hat, der aber kühl kalkuliert war, sei nun mal in der Entwicklung dieser Monate begründet: Er und die SPD seien von ganz unten gekommen, aus dem Tal der 24 Prozent, Frau Merkel und die Union von ganz oben, wo die absolute Mehrheit zu Hause ist, und am Ende reicht es noch nicht einmal für Schwarz-Gelb! Und da wollen die einen Machtanspruch stellen? "Wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen", polterte er in der Wahlnacht. Er will Kanzler bleiben. An Chuzpe hat es ihm nie gefehlt.

Die SPD steht hinter ihm. Jedenfalls jetzt, nachdem er sie, Moses als Vorbild, im Alleingang aus der Wüste geführt, das Schwarze Meer geteilt und sie als Volkspartei ans rettende Ufer geführt hat. Darauf beruht, wie ein Insider es formuliert, die "neue Leidenschaft zwischen Schröder und der Partei", eine Mischung aus Dankbarkeit, Respekt und auch ein wenig schlechtem Gewissen. Die Partei war nicht immer freundlich zu ihm, so wie er sich um die Partei wenig bemüht hat. Erst der Wahlkampf hat ihn dazu veranlasst, nein: gezwungen. Da begann er, die Agenda 2010 und seine Reformpolitik auch für Sozialdemokraten in deren Sprache und Kategorien zu begründen. In der Schlussphase klang die Agenda in Schröders Wahlkampfreden geradezu wie ein linkes Projekt. Hätte er damit nicht früher anfangen können?, fragen manche Sozialdemokraten. Vor Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen (die seit Sonntag beide wieder "rot" sind). Wer weiß, ob die Neuwahl dann nötig geworden wäre. Aber so ist das nun mal: Jegliches hat seine Zeit.

Ist dies die Zeit für einen Machtanspruch, wie Schröder ihn jetzt stellt, obwohl die SPD weniger Sitze hat als die CDU/CSU-Fraktion? Viele Sozialdemokraten strampeln sich jetzt öffentlich ab, das als eine Art neue Selbstverständlichkeit darzustellen. Sind denn CDU und CSU etwa nicht nur eine Fraktionsgemeinschaft zweier in Wahrheit eigenständiger Parteien? Ist nicht jede für sich kleiner als die SPD? Begründet das nicht deren Führungsanspruch? Nun ja, das einigermaßen volkstümlich zu erklären und dabei zugleich seriös zu bleiben ist nicht einfach.